Trauerfeier für einen SED-Genossen

Auf Umwegen erreichte uns diese Reportage von Arno Hahnert erst in diesen Tagen. Berlin-Schöneweide

Schon vierzig Minuten kalte Füße – und noch immer ist von der hohen Leiche nichts zu sehen...“ Der alte Arbeiter vom Kabelwerk Oberspree, einst das Stammwerk der AEG, konnte des Beifalls der Spalierbildenden zum Begräbnis von Hermann Matern sicher sein. Nieselregen hatte eingesetzt, die Werktätigen, die ein Betriebsordner an der Wilhelminenhofstraße säuberlich aufgebaut hatte, wurden immer unruhiger. Manch einer hätte sich längst verdrückt, wenn nicht der Gewerkschaftsgruppenorganisator sie dann und wann beschworen hätte: „Kinder, habt noch ’nen Augenblick Geduld. Der Zug ist ja schon in Karlshorst, gleich werden sie hier sein.“ Als aus dem Lautsprecher an der Brückenstraße zum viertenmal der Trauermarsch „Unsterbliche Opfer“ ertönte, betrat ich die Eckkneipe.

Der Regen war stärker geworden, und wie ich feststellte, hatten noch viele Wartende die Absicht, einer Grippe durch einen steifen Grog vorzubeugen. „Von all dem Rummel mit Soldaten und Geschützlafette wird olle Hermann och nich mehr lebendig. Dem wär’ det bestimmt aller sehr peinlich gewesen“, vermutete respektlos ein Mann um die Fünfzig. Einige Zuhörer – offenbar Arbeiter aus dem Werk für Metall- und Halbzeugfabrikate – nickten, andere schienen mit ihrem Stehskat beschäftigt. Gleichmütig waren Zehntausende Ostberliner dem Appell der Werkleitungen gefolgt, eine Stunde vor Schichtschluß Spalier für den SED-Führer Hermann Matern zu bilden, dessen Trauerkondukt von Berlin-Mitte über Friedrichsfelde und Schöneweide zum Krematorium Baumschulenweg geleitet wurde.

Liegt Lenin falsch?

„Laßt man, das war keiner der schlechtesten Genossen, prinzipienfest und bescheiden, er hat es schon verdient, daß wir ihm die letzte Ehre erweisen“, meinte ein Gast mit dem Parteiabzeichen am Rock, dem die brodelnde und überfüllte Kneipe anscheinend unheimlich wurde. Ein mitleidiger Blick traf den vermeintlichen Parteisekretär von Seiten meines Nachbarn, offenbar Ingenieur oder „technischer Kader“ in einem der großen Werke von Schöneweide. Und verhalten meinte er, wie im Selbstgespräch: „Ich habe ihn auch kennengelernt, Ulbrichts engsten Freund. Damals auf der Parteischule, vor mehr als zwanzig Jahren, als wir noch gläubig zu Marx und Stalin emporblickten...“ Ein Wort gab das andere, wir kamen ins Gespräch. Und während draußen, auf der Straße, sich die frühe Dämmerung über die Wartenden senkte, erzählte mir mein unbekannter Grog-Partner seine Episode mit Hermann Matern, „dem großen, besten, treuesten und teuersten Freund“, wie Ulbricht seinen Mitstreiter vor einer Stunde bei der Trauerfeier genannt hatte.

„Matern war damals Landesvorsitzender der SED von Berlin und hatte vor uns Parteischülern eine Vorlesung über ‚Stalin und die deutsche Arbeiterbewegung‘ gehalten. Danach sollte offen diskutiert werden. Doch wie so oft kam keine Diskussion zustande. Ich war einer der jüngsten Parteischüler, neunzehn Jahre alt. Die Alten schwiegen vor Respekt, doch ich hatte keine Hemmungen, meine ‚Bauchschmerzen‘ loszuwerden. ‚Genosse Matern, ich habe einige Fragen.‘ Matern lächelte ermunternd. ‚Wie kommt es eigentlich, daß eine Reihe von Genossen in hohen Funktionen sowjetische Lebensmittelpakete erhalten, noch dazu in vier verschiedenen Kategorien? Die Bevölkerung ist darüber sehr empört. Und die zweite Frage: Unsere Partei hat vor zwei Jahren – 1946 – die Rückgabe der Oder-Neiße-Gebiete aus polnischer Verwaltung für selbstverständlich erklärt. Allerdings war das im Wahlkampf zu den Landtagen. Heute unterstützen wir die meiner Meinung nach nicht leninistische Argumentation der Polen, daß diese Provinzen angeblich schon immer slawisch waren. Solch eine Haltung widerspricht doch Lenins Standpunkt zum Friedensvertrag von Brest-Litowsk.‘ Matern nahm Stellung.“