Der wegen eines Massakers in der südvietnamesischen Ortschaft My Lai von einem amerikanischen Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilte und sofort nach der Urteilsverkündung verhaftete Oberleutnant William Calley befindet sich wieder auf freiem Fuß. Präsident Nixon hat seine Freilassung angeordnet. Sie soll so lange gelten, bis Calley alle Rechtsmittel, die zu einer Revision des Urteils führen könnten, ausgeschöpft hat.

Das Urteil wird jetzt zunächst von einem hohen Justizoffizier überprüft, der es mildern oder auch annullieren, nicht aber verschärfen kann. Danach kann das Urteil vor die Bundesgerichte bis hin zum Obersten Gerichtshof gebracht werden.

Inzwischen wächst die Lawine der Proteste gegen das Urteil weiter an. Im Weißen Haus sind Tausende von Telegrammen eingetroffen, die die Freilassung Calleys fordern. Sie stammen sowohl von Befürwortern wie von Gegnern des Vietnam-Krieges.

Auch der rechtsstehende Gouverneur des US-Staates Alabama, George Wallace, sicherte Calley seine Unterstützung zu. Die Armee dagegen hat sich entschieden hinter das Urteil gestellt, da Calley gegen die Genfer Konvention verstoßen habe. Der Stabschef des amerikanischen Heeres und frühere Oberkommandierende der US-Streitkräfte in Vietnam, General Westmoreland, hat sein Erstaunen über die Proteste gegen das Urteil geäußert.