Von Claus Grossner

Wird die Bundesrepublik allmählich eine Technokratie? Diese Frage steht unsicher über dem Streit um die Reorganisation des Bundeskanzleramts, über den Kulissenkämpfen um die Neugliederung aller Beratungsgremien für das Wissenschaftsministerium und auch über den Differenzen des Bundestagspräsidiums mit dem Quickborner Team wegen der Bauprogrammplanung für den neuen Bundestagskomplex.

Zunächst einmal: Was heißt Technokratie? Das Wort Technokratie ist doppeldeutig. Einmal beschreibt es die Herrschaft der Experten, die Expertokratie der geheimen Mandarine; also einen Zustand, bei dem nicht mehr die Politiker, sondern die Technokraten die Macht im Staate ausüben. Zum anderen kann Technokratie bedeuten – und das ist die Interpretation der konservativen soziologischen Schule Freyers und Gehlens: Die neuartige "Superstruktur Wissenschaft und Technik" schafft solche "Sachzwänge", daß reale politische Entscheidungen gar nicht mehr gefällt werden können; dann haben die Politiker lediglich die Aufgabe, den "Sachgesetzlichkeiten" der verwissenschaftlichten Gesellschaft zu folgen, also zu verwalten mit einer möglichst effizienten Sozialtechnologie. In diesem Fall stirbt die Politik ab – eine dialektische Kehrseite zu Marxens Theorie vom Ende der Politik.

Geht es bei der Frage, ob unsere Gesellschaft eine Technokratie wird, nur um eine akademische Kontroverse? Nein, bei beiden Versionen geht es um eine hochpolitische Frage. Wenn nämlich die These von den Technokraten als "Machern", als den eigentlichen politischen Drahtziehern oder besser: Computerprogrammierern im Hintergrund stimmt, dann wird die Gesellschaft von Instanzen beherrscht, die keine öffentliche Rechenschaft ablegen und deren Interessenverflechtung kaum zu kontrollieren ist.

Falls die zweite These vom ständig abnehmenden Entscheidungsspielraum der technokratisierten Gesellschaft stimmt, so wird Politik zum Scheingefecht, da die Zukunft bereits verplant ist. In beiden Fällen droht die gleiche Gefahr: Eine politische Kontrolle über die Entwicklung der Gesellschaft ist nicht mehr gegeben.

Wie sieht die empirische Analyse der Bundesrepublik für 1971 aus – gibt es eine Technokratiegefahr? Zunächst möchte ich einige Tendenzen zur Technokratie aufzeigen; dann folgt eine aktuelle Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Auseinandersetzungen um die Technokratie am Beispiel des Planungsstabes im Bundeskanzleramt sowie von drei Beratungs- und Planungsinstitutionen: dem Quickborner Team, der Heidelberger Studiengruppe für Systemforschung und der Stiftung Wissenschaft und Politik.

I.