Von Dieter Buhl

Die amerikanische Öffentlichkeit hat die Verbrechen von My Lai noch nicht verkraftet. Der Proteststurm gegen das Urteil von Fort Henning beweist es. Die Proteste richten sich gegen das, wie viele Amerikaner meinen, ungerechte Urteil, das den alten Vorwurf neu zu bestätigen scheint: "Die Kleinen hängt man, die Großen läßt man laufen." Zugleich aber sind die Proteste auch Ausdruck für die Unfähigkeit, die wahren Ursachen des Massakers von My Lai zu verstehen – vielleicht auch des Widerwillens, diese Ursachen verstehen zu wollen.

Die Erkenntnis fällt deshalb so schwer, weil sie in erster Linie Selbsterkenntnis sein müßte. Denn der Mann, der inzwischen zu einer Symbolfigur für die Absurdität des Vietnamkrieges und seiner Verbrechen wurde, ist ein Durchschnittsmensch. Wenn es noch eines Beweises für das Wort Hannah Arendts von der Banalität des Bösen bedurfte, dann wird er in der Person William Calleys geliefert. Hätte er bessere Schulzeugnisse und ein paar Zentimeter mehr an Körpergröße, so erreichte er genau den Standard des All American Boy. Seine Umwelt jedenfalls – ein gutsituiertes Elternhaus, ordentliche Schulen, nette Freunde – boten ihm alle Voraussetzungen, ein "guter Amerikaner" zu werden.

William Calley ist es nicht geworden. Calley hat, wie viele junge Amerikaner, denen nie ein Prozeß gemacht werden wird, die optimistische Lebensphilosophie von "Gottes eigenem Land", die schon durch Hiroshima und mit den Manifestationen der Rassendiskriminierung fragwürdig geworden war, in Vietnam ad absurdum geführt. Auch der Mensch der Neuen Welt, der nach dem Credo ihrer patriotischen Puritaner von Natur gut ist und lediglich von "bösen" Institutionen in Versuchung geführt wird, erweist sich als anfällig. Calley und viele seiner Kameraden haben in Vietnam nicht den fast messianischen Gerechtigkeitssinn verwirklicht, mit dem Amerika lange Zeit glaubte, Politik zu machen und seine Ziele verfolgen zu können.

Eine Selbsterkenntnis, die in ähnlich kritischer Form von den kriegserfahrenen Völkern Europas längst hatte vollzogen werden müssen, ist für die Mehrheit der Amerikaner noch immer scherzhaft und unakzeptabel. Dabei provoziert die Situation, in die junge Amerikaner, in Vietnam gestellt werden, geradezu den Verrat an den "amerikanischen Idealen": Die GI’s kämpfen in einem Krieg; dessen Ziele sie längst nicht mehr verstehen. Sie, die Söhne einer hochtechnisierten Welt, kämpfen im asiatischen Dschungel gegen Gegner,-die einer anderen Epoche und Vorstellungswelt entstammen. Sie, die Repräsentanten der mächtigsten Nation der Erde, müssen in ohnmächtiger Wut oft genug die Überlegenheit des Feindes in der dort adäquaten Kriegführung anerkennen. Was nützt es den GI’s unter solchen Umständen, daß sie die von der Armee gelehrten Regeln zivilisierter Kriegführung in ihrem geistigen Marschgepäck haben?

Die klassische Kategorisierung, die ihnen ihre Offiziere und in noch stärkerem Maße zahllose Western-Filme vor Augen geführt haben, ist in Vietnam nicht gegeben: Good guys and bad guys in Reinkultur gibt es nicht. Verbündete und Feinde sind im vietnamesischen Bürgerkrieg nicht auseinanderzuhalten: Jeder ist ein potentieller Gegner. Unter diesen Umständen ist es gar nicht verwunderlich, wenn sich bei vielen Soldaten die Einstellung verbreitet hat, die ein GI aus Texas mit den Worten beschrieb: "Niemand von uns sieht die Vietnamesen als vollwertige Menschen an. Sie sind keine Menschen. Daher ist es auch völlig unwichtig, wie man mit ihnen umspringt."

Nicht alle GI’s teilen die Ansicht ihres texanischen Kameraden. Aber Soldaten haben die Fähigkeit, Ausdrücke zu prägen, die mehr über die Realität ihres Krieges aussagen als die Reportagen der Kriegsberichter. Das gilt auch für Formulierungen, die Calley in seinem Prozeß benutzte. "Wir hatten den Auftrag, die Vietnamesen ,zunichte zu machen‘ (to waste them), wir sollten sie ,wegblasen‘ (to blow them away)." Diese Killersprache wird nicht nur inoffiziell gebraucht. Wenn vom amerikanischen Oberkommando täglich body counts (Leichenzählungen) angeordnet und die Frontoffiziere häufig aufgefordert werden, möglichst hohe body counts zu melden, kann sich niemand wundern, wenn die offiziell proklamierte Wertlosigkeit vietnamesischen Lebens den GI’s ganz selbstverständlich wird.