Von Hellmuth Karasek

Manche Leute in der CSU haben Pech. Wenn beispielsweise ihr Vorsitzender an Prostituierte gerät, dann ziehen die ihm Geld und Führerschein aus der Tasche. Und wenn der Münchner CSU-Abgeordnete Dr. Wilhelm Zehetmeier aus Versehen der Dramatik begegnet, dann gerät er an Stücke, in denen onaniert und ein Abtreibungsversuch geschildert wird.

Wo solches Pech eintritt, da muß die Ästhetik her. Flugs nach seinem New Yorker Abenteuer meinte Franz Josef Strauß, die Frauen seien "greißlige Henna" gewesen. Kurz nach seinem Literaturabenteuer meinte Dr. Zehetmeier, nachdem er vergeblich Himmel und Kulturausschuß gegen das Stück in Bewegung zu bringen suchte: "Man kann auf der Bühne vieles zeigen. Enthauptungen, Tötungen, Vergewaltigungen, aber all das muß einen gewissen Kunstwert haben ... das Stück von Kroetz ist doch ein dürftiges, mageres Stück. Für mich hat es keine künstlerischen Qualitäten." Auch wolle er für die Millionen Münchner Steuergelder kein Agitproptheater. So wie Strauß für sein gestohlenes Geld keine grausligen Hennen wollte.

Da Strauß zwar die New Yorker Polizei zu Hilfe kam, Wilhelm Zehetmeier aber die Münchner nicht, er sich dennoch als künftiger Bürgermeisterkandidat profilieren wollte, wurden in der jüngsten Premiere der Münchner Kammerspiele im Werkraumtheater Anstrengungen unternommen, seinen ästhetischen Forderungen Gehör zu verschaffen. Vier Leute, die sich offensichtlich fremd in der ungewohnten Theaterumgebung fühlten (ähnlich fremd würde nur ein sanfter Bibliothekar, verwickelt in eine Wirtshausschlägerei, wirken), diese vier Leute warfen Stinkbomben, während dreißig ihrer Mitstreiter vor dem Theater, um für die Wiederherstellung von Wilhelm Zehetmeiers Moral und Ästhetik zu streiten, auch mit Unrat um sich warfen und so poetische Gebilde von sich gaben wie den folgenden Zweizeiler: "Schmidinger, die alte Sau / onaniert wie Kohlenklau." (Der arme Kohlenklau tat’s um des Reimes willen.)

Der Anlaß, der Münchens CSU zu solchen Kulturleistungen enflambierte, war die Uraufführung zweier Stücke von Franz Xaver Kroetz. Der vierundzwanzigjährige Autor, einer der Gewinner des Dramatikerstipendiums des Suhrkamp-Verlages, hat sich hier mit zwei Dramen ("Hartnäckig", "Heimarbeit") vorgestellt, die Leute in der Ohnmacht der Bewußtseinslosigkeit vorführen, Menschen, deren Sprache nicht an ihre Probleme heranreicht, deren Vorurteile, Fixierungen und Versagungen sich daher vorwiegend außerhalb der Sprache, also körperlich artikulieren.

Wenn man so will, demonstrieren die beiden Szenenfolgen, wie die Unfähigkeit zum Sprechen (die durchaus als sozialer Gängelungsprozeß dargestellt ist) den körperlichen Ausdruck von Gewalt und Verbrechen annimmt. Probleme werden buchstäblich aus dem Wege geräumt. Kroetz zeigt in der Gegenprobe, daß Melodrama und Schauerdrama nur dann aus der Wirklichkeit abgefiltert werden, wenn zu dem Unsäglichen, das zur Aktion führt, die Sucht der Autoren kommt, das Unsagbare nur allzu sagbar zu machen.

Weniger abstrakt: "Hartnäckig" handelt davon, wie ein zum Krüppel gewordener junger Mann seine Braut und sein Erbe verliert, weil er mit einem Bein für seine Umwelt kein Mann mehr ist. Für seine Freundin, der er ein Kind macht, wäre er eine Schande, also räumt sie das Kind fort. Für seinen Vater ist er nicht mehr in der Lage, eine Gastwirtschaft zu übernehmen, also versucht der Amputierte, seinen kleinen Bruder aus dem Weg zu räumen, der nun zum Erbe avanciert. Eine Szenenfolge über "gesundes Volksempfinden", von frappierender Genauigkeit des Ausdrucks der Ausdruckslosigkeit.