Von Sepp Binder

Regensburg, im April

Seine Hände umspannen das rote Tuch des Rednerpultes. Wie ein Boxer, der hinter der sicheren Deckung seiner Fäuste auf seinen Gegner lauert, ruft. Hans-Jochen Vogel mit kräftiger Stimme böse Erinnerungen wach: „München – das war genau das, was ich bei Euch irgendwo gelesen habe: Konflikte in die Institutionen tragen.“

Der Münchner Oberbürgermeister, der die innerparteiliche Kontroverse – „linkssozialistische Kaderpartei oder Volkspartei“ – unter seine Genossen getragen hatte, ist der Herausforderung der bayerischen Jungsozialisten gefolgt. Auf ihrer Landeskonferenz im Regensburger Stadttheater diskutierten die Jusos über „Bayerns SPD und den demokratischen Sozialismus“. –

Doch das Gespräch, gedacht als ein erster Brückenschlag zwischen der bayerischen SPD-Führung und dem sozialdemokratischen Nachwuchs, scheiterte. Der Versuch einer Aussöhnung schlug fehl. Denn Vogel blieb seinen jungen Widersachern gegenüber skeptisch – die Jusos verharrten bei ihren Vorurteilen gegenüber dem populärsten Kommunalpolitiker der Bundesrepublik. Es gab weder Umarmung noch Clinch, was den fränkischen Bezirksvorsitzenden, Bruno Friedrich, an Ringelnatz erinnerte: „Die armen Königskinder, sie konnten zueinander nicht kommen, sie waren zu dick.“

Rund zweihundert Menschen füllten den Theatersaal. Unter dem Konferenzsymbol – weiß-blaue Schaumkronen, unter denen rote Fische nach links treiben – machte sich zwischen Bierdunst und Zigarettenqualm Kaderstimmung breit. Ihre politischen Ohnmachtsgefühle reagierten die Jusos zunächst durch Selbstmitleid („Vogel hat uns zu den Buhmännern der Partei gemacht“) oder durch Provokation ab: Im Antrag Nummer 17 forderten sie ein Parteiordungsverfahren gegen Vogel.

Von der politischen Niederlage, die ihnen Vogel bereitet hatte, haben sich die bayerischen Jusos noch nicht erholt. In München wurden sie vorläufig gebremst. Und die Wahl des Oberbürgermeisters zum Münchner SPD-Vorsitzenden hat die Jungsozialisten auf die Verliererseite gedrängt. Zwar hat einer der Ihren, gleichsam zum Ausgleich, in den vergangenen Tagen den Parteivorsitz in Würzburg erkämpft, aber zwischen Bamberg und Berchtesgaden gräbt die Partei den „roten Fischen“ zunehmend das Wasser ab. Ein Juso-Delegierter meinte deshalb resignierend: „Jetzt beginnt das große Aufräumen im Lande.“ Und ein anderer weissagte: „Wir sehen kleine Vogels überall.“