Gert P. Spindler: Praxis der Partnerschaft. Erfahrungen und Erkenntnisse eines Unternehmers, Econ-Verlag, 264 Seiten, 26,– DM.

Als Mitte vergangenen Jahres die Paul-Spindler-Werke (Hilden/Rheinland) ihre Tore schlossen, war das mehr als das Ende eines altrenommierten Unternehmens der Textilindustrie. Ein gesellschaftspolitisches Experiment-, in vieler Hinsicht das wohl interessanteste der Nachkriegszeit, mußte abgebrochen werden. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit waren denn auch zwiespältig.

Diejenigen, die den Weg Gert P. Spindlers – des Unternehmers, der sich selbst entmachtete und seine Mitarbeiter bis zur letzten Putzfrau so weitgehend an den Entscheidungen des Managements teilhaben ließ – mit Sympathie verfolgt hatten, nahmen die Liquidation mit Bedauern zur Kenntnis. Andere sahen darin den längst fälligen Beweis für die prinzipielle Unmöglichkeit der von Spindler propagierten und praktizierten Partnerschaft vonKapital und Arbeit.

Wer Spindlers neues Buch – er schrieb es während und nach der Stillegung seiner Betriebe – auch nur mit einiger Aufgeschlossenheit für gesellschaftspolitische Fragen gelesen hat, wird dieser im ersten Moment einleuchtenden Argumentation seiner Kritiker die Zustimmung verweigern. Spindler verschweigt keineswegs die großen ökonomischen Belastungen, denen das von ihm geführte Unternehmen mehr als einmal durch die schnellen strukturellen Veränderungen des Textilmarktes ausgesetzt war. Aus dem von ihm vorgelegten dokumentarischen Material – insbesondere über die inner- und außerbetrieblichen Vorgänge, die zur Liquidation führten – geht jedoch hervor, daß die sehr weitgehenden Mitbestimmungsrechte der Betriebsangehörigen auch in schwierigen Situationen nie zur Verzögerung oder gar Verhinderung notwendiger ökonomischer Entscheidungen geführt haben – auch dann nicht, wenn sie für seine Mitarbeiter unangenehm waren.

Eben das macht diesen Erfahrungsbericht einer zwanzigjährigen betrieblichen Partnerschaft zu einem stellenweise geradezu aufregendenBuch. Es gibt in der Bundesrepublik erfreulicherweise eine ganze Reihe von Partnerschaftsbetrieben – die Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Partnerschaft in der Wirtschaft (AGP) hat mehr als 200 Mitgliedsfirmen –, die ihre Mitarbeiter in den verschiedensten Formen auch am Erfolg und an der Substanz beteiligen. Im allgemeinen handelt es sich aber dabei um Unternehmen, die sich auf Grund günstiger Umstände oder ihrer starken Marktstellung durch hohe Ertragskraft auszeichnen. Bei Spindlers Mitarbeitern gingen die Erwartungen, die sie in die materielle Seite der Partnerschaft setzten, nicht in Erfüllung. Sie gingen so gut wie leer aus. Der Partnerschaftsgedanke mußte aller materiellen Verbrämung entkleidet seine Bewährungsprobe ablegen.

Hat er diese Bewährungsprobe bestanden? Spindlers Antwort ist ein uneingeschränktes Ja. In der Tat wurden auch die in ihren menschlichen und sozialen Auswirkungen härtesten unternehmerischen Operationen, mit denen sich die Spindler-Werke Stück um Stück aus dem Markt zurückziehen und schließlich vor ihm kapitulieren mußten, von Mehrheiten der Betriebsangehörigen mitgetragen. Wer aber zwischen den Zeilen zu lesen versteht, dem können gelegentliche Anflüge einer gewissen Ernüchterung des Verfassers nicht verborgen bleiben.

Spindlers Ziel war sehr weit gesteckt. Er wollte die Arbeiter und Angestellten seines Unternehmens weit über die Bestimmungen des Betriebsverfassungs- und Mitbestimmungsgesetzes hinaus zu „Mitunternehmern“ machen, die auch bei komplizierten ökonomischen Entscheidungen ein wichtiges Wort mitzureden hatten. Angesichts der bestürzenden Unkenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge in weiten Kreisen unserer „Wirtschaftsbürger“ – Spindler hat auf die Behebung dieses Bildungsnotstandes in seinen Betrieben große Anstrengungen verwendet – ist ihm das wohl nur in begrenztem Umfang gelungen.