Von Horst-Wolfgang Bremke

Friedrich Springorum, Vorstandsmitglied der Salzgitter-Werke, ist sicher: „Keiner, der in der Stahlindustrie an Investitionen denkt, kann heute an Neuwerk vorbeigehen.“ Vor nicht allzu langer Zeit freilich hielt die Industrie noch nicht allzuviel von dem Projekt, dort vor der Elbemündung einen Tiefwasserhafen anzulegen.

Westdeutschlands Unternehmen drängen zur Küste. Die harte Konkurrenz zwingt sie, Kosten zu sparen. Und da Transporte zur See ungleich billiger sind als auf dem Lande, lohnen sich Verarbeitungswerke direkt am Meer.

So besuchten die Stahlbosse Sohl (August-Thyssen-Hütte), Overbeck (Mannesmann) und Beitz (Krupp) bereits 1966 gemeinsam den Rotterdamer Hafen Europoort und prüften das verfügbare Gelände. Ihr Plan: Bau einer Erzumschlaganlage, der ein großes Hüttenwerk angegliedert werden sollte. Interne Meinungsverschiedenheiten blockierten jedoch bislang das Projekt. Auch das Vorhaben der Dortmunder Hoesch AG, zusammen mit dem holländischen Stahlunternehmen Hoogovens ein Erzverarbeitungswerk für zehn Millionen Tonnen Stahl zu bauen, scheiterte bisher (siehe auch Seite 26).

Zur Tat schritt jedoch die Chemieindustrie. 1968 und 1969 bauten nacheinander Zweigwerke: Hoechst im niederländischen Vlissingen, Bayer bei Amsterdam, BASF, Bayer und Degussa in Antwerpen und Schering im belgischen Diegen. Dazu Hamburgs Wirtschaftssenator Helmuth Kern: „Das war schon kein Wettlauf mehr, das war ein Endspurt an die Küste.“ Um nicht noch mehr ins Hintertreffen zu gelangen, starteten die Hanseaten eine große Werbeaktion, um die „Deserteure“ mit weiteren Projekten an die deutschen Küsten zu locken.

Das ist allerdings kein leichtes Unterfangen. Den deutschen Küstenländern fehlt bislang nicht nur ein geeigneter Hafen für den Schiffsverkehr der Zukunft „mit großen Pötten“; sie waren auch unter sich uneins.

Seit Jahren streiten sich die alten Hanse-Kampfhähne Hamburg und Bremen um den Vorrang im zukunftsträchtigen Containerverkehr. Mit Wilhelmshaven feilschte Hamburg lange Zeit um das einträgliche Geschäft, Erdöl-Haupthafen Deutschlands zu werden. Inzwischen schloß Senator Kern einen Vergleich: Er unterstützt Niedersachsen beim Ausbau Wilhelmshavens als Erdöl-Tiefwasserhafen; dafür hält Niedersachsen das Kern^-Projekt Neuwerk für empfehlenswert. Kern: „Moralisch natürlich nur. Bare Münze haben wir noch nicht gesehen.“