Warum eigentlich gerade Bretten? Ein ödes, furchtbares Kaff, pflegen Frauen der nach dort verschlagenen Manager zu jammern. Unsere einzigartige, so liebenswerte Stadt, flögen andächtig die Lokalpatrioten. Solchermaßen von Betroffenen und Begünstigten tituliert zu werden, muß jede Kleinstadt mit 10 000 Einwohnern wie Bretten immer gewärtig sein. Insoweit steht die nordbadische Gemeinde stellvertretend für viele dieser oder ähnlicher Größenordnung.

Aber für was ist Bretten repräsentativ überhaupt? Auf diese Frage hin ist eine Soziologin fündig geworden, als sie sich im Auftrag des (vor einigen Jahren gestorbenen) Arnold Bergstraesser des politischen Mikrokosmos Bretten annahm und dessen politische Denk- und Handlungsweisen untersuchte. Wohlversehen mit einem Instrumentarium, wie es heute relativ leicht verfügbar gemacht werden kann (perfekt in den Fragekästchen und in der Panel-Vorbereitung und Verkodung), hat die Soziologin ein Schürfergebnis erbracht, das aufhorchen läßt. Manche bundesdeutsche Wirklichkeit und Wunderlichkeit läßt sich – obwohl die aus Bretten bezogenen Einsichten immer zu relativieren sein werden – besser verstehen, wenn man gelesen tat:

Benita Luckmann: „Politik in einer deutschen Kleinstadt“; Soziologische Gegenwartsfragen Nr. 35; Ferdinand-Enke-Verlag, Stuttgart, 1970; XII, 280 S., 5 Abb. und 70 Tabellen, 34,– DM.

Eine wohlgeordnete, offenbar ihrer selbst gewisse Welt schaut uns an: Dort werden noch wie for hundert Jahren an Samstagen, von Hausratten die Kuchenbleche zum Bäcker getragen; herüber, daß man dort nicht mehr selbst „mostet“ oder sein Sauerkraut für den Winter einstampft, klagen freilich die Alteingesessenen. Die Gartenzwerge scheinen sich so zahlreich vor den Haustüren zu versammeln, daß die Wissenschaftlern sie besonders erwähnt. Noch ist die Stadt so überschaubar, daß vom Brand eines großen Saales rund zwei Drittel aller Brettener Einwohner schon während des Feuers Kenntnis erhielten Ansonsten freilich habe man mit den Brettenern wenig Sorgen, versichert ein führender Polizeibeamter des Regierungsbezirks Nordbaden; die Leute hätten ein Gefühl für „Schicklichkeit“. Indessen fand seinerzeit auch der Film „Das Schweigen“ Einlaß in die friedvolle Stadt, und der Friede war zumindest auf Zeit gestört.

Daß in der nordbadischen Idylle Jahre zuvor einige größere Störungen – durch Krieg und Besatzung – aufgetreten waren, suchen die Einheimischen möglichst zu vergessen und zu verdrängen; aber gewisse Realitäten sind bis heute gültig geblieben: Die Geburtsstadt Melanchthons zählte 1930 rund 80 Prozent Protestanten und nur 18 Prozent Katholiken. 1965 war Bretten nur zu 58 Prozent evangelisch und die Zahl der Katholiken auf 38 Prozent gestiegen – eine Folge des Zuzugs von rund 2300 Flüchtlingen und Vertriebenen aus der Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien. Immerhin gelang es einer traditionell militanten Gruppe der Einwohnerschaft, das von marokkanischen Truppen 1945 vom Sockel gerissene, später in einem Kohlenhaufen versteckte Kaiser-Wilhelm-Denkmal 1960 wieder am alten Platz zu installieren; heftige, jahrelange Debatten im Gemeinderat waren voraufgegangen. Inzwischen hatte sich das Städtchen zu einer bedeutenden Industriegemeinde entwickelt, die 7500 Arbeitsplätze anbieten kann; 3500 werden von Pendlern eingenommen. Aber 80 Prozent aller Brettener bejahen jetzt, was wunder, diese steuerlich ertragreiche Entwicklung.

Der Arbeit Benita Luckmanns ist nachzurühmen, daß sie bei der nie nachlassenden Bemühung um Details das Stadtgeschehen unserer Jahre so einzufangen sucht, daß es ebenso verläßlich wie farbig, ebenso komplex wie differenziert erscheint; dabei, werden alle nur denkbaren Aspekte der Berufs- und Statusgruppen, der Veränderung der Schichten in den letzten zwanzig Jahren und deren heutige Beschaffenheit ermittelt. Das Buch enthält gewiß weit über tausend Zitate aus Befragungen. Aber wenn die Äußerung eines notorischen Dummkopfes ungewichtet neben die eines Zynikers, eines Gecken oder eines seriösen Gemeindevaters gestellt wird, mag zwar der Effekt einer nicht gestellten Momentaufnahme erreicht sein – nur mangelt der Darstellung dann zuweilen der Duktus, der die allgemeinen Konsequenzen aus solchen Mitteilungen verheißt. Warum wurde nicht entschiedener gewertet? Fürchtete die Autorin um ihre Reputation als Wissenschaftlerin?

Aufschlußreich zu lesen, was den Brettenern das Leben in den Vereinen bedeutet – siebzig sind registriert –, aufschlußreich, daß dem Gemeinderat keine Frau angehört, daß die Hälfte aller Ratsmitglieder im Dritten Reich Parteigenossen gewesen sind, daß etwa neun Zehntel aller Beschlüsse dort einstimmig gefaßt werden. Löblicher noch, daß auch die Herrschaft „grauer Eminenzen“ ins Blickfeld gerät, wie jener Industrielle, der als größter Steuerzahler die Stadt zwingen will, eine Straße nach ihm zu benennen und es – auf Umwegen – auch schafft. Nicht minder löblich, in allen Einzelheiten mit dem Schildbürgerstreich ein.s eigenen neuen Gaswerks bekanntgemacht zu werden, das nach sechs Jahren bereits seinen Betrieb wieder einstellen muß, weil Ferngas eben doch rentabler ist als rein aus lokalem Wahn und Inzuchtdenken entstandene Selbstversorgung.