Zu den Erinnerungen des Feldmarschalls Erhard Milch Von Alexander Rost

David Irving: „Die Tragödie der Deutschen Luftwaffe. Aus den Akten und Erinnerungen von Feldmarschall Milch“; aus dem Englischen von Erwin Duncker; Verlag Ullstein, Berlin 1970; 487 Seiten, 28,– DM

Nicht Hermann Göring, sondern Erhard Milch hat die Luftwaffe des „Dritten Reiches“ aufgebaut. Sie war sein Geschöpf, wie er ein Produkt seiner Zeit war. Er hätte, was die Sache betrifft, verehrungswürdig werden können; oder man hätte ihn mit Männern wie Robert S. McNamara vergleichen dürfen: ein ziviler Manager eines großen Unternehmens, der unversehens in die Welt der militärischen Strategie und der großen Politik gestellt wurde und sich in jener Welt sach- und fachgerecht nicht nur behauptete, sondern sie meisterte.

Er war, was die Person angeht, blind vor Ehrgeiz und ein Gefangener im Käfig des Fanatismus, des Nationalsozialismus oder, genauer gesagt, des Nationalismus. Schuld oder Schicksal? Dieser Mann hat ein Leben in falsch begriffenen Kantschen Kategorien geführt, eine Karriere mit Vollgas, einen Höhenflug beenden müssen im Sturzflug, ohne (fliegerisch ausgedrückt) „abzufangen“, und er hat – was am schwersten wiegt – nicht nur sich selber, sondern viele andere ins Verderben gestürzt.

Er hat das nicht gewollt, natürlich nicht. Er war das, was man im Jargon seiner Zeit einen „Kerl“ nannte; er war tapfer und hatte doch keinen Sinn für Zivilcourage.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war Erhard Milch, zweiundzwanzig Jahre alt, Leutnant im 1. Fußartillerie-Regiment in Königsberg. Vom ersten Mobilmachungstage an führte er ein Tagebuch. Er hat praktisch nichts geschrieben, keinen Aufsatz, geschweige denn ein Buch in die Öffentlichkeit lanciert; er hat desto mehr aufgeschrieben, woraus man auf eine Art Gendarmenmentalität schließen könnte. Er war in der Tat ein Kontrolleur, Inspekteur, Aufpasser par excellence, ein Schwarz-auf-weiß-Fixierer, der die Denkschrift der Diskussion vorzog und sich, abgesehen von den Notizen vom Tage, Rückhalt in Aktennotizen anlegte. Für den Zeithistoriker ist das ein Glücksfall. Erhard Milch, ein Dokument in Person, läßt sich dokumentieren.

Und so hat David Irving die Geschichte dieses Mannes, in der sich ein Fliegerleben, höchst achtbar, gleichsam in Kunstflugfiguren vorstellt und ein Polit-Offiziers-Dasein, durchaus verabscheuungswürdig, in seiner Kommißattitüde dargestellt, im Panorama wie in den Einzelheiten, in denen die Wahrheit wohnt, geschildert, frei von Seminarstaub und doch wissenschaftlich brauchbar und anregend, den Lebenslauf eines Mannes, der zugleich die Geschichte einer Institution ist, der Luftwaffe eben.