David Irving hat nicht nur den Mann, er hat auch den archivarisch belegbaren Hintergrund dessen Handelns und Nichthandeins durchforscht. Ob er das alles erforscht hat, mag dahingestellt sein. Der Rezensent könnte da eine Askarte aus dem Ärmel ziehen. Vor vier oder fünf Jahren habe ich in einem Artikel über ein Buch, das David Irving über die deutschen „Wunderwaffen“ im Zweiten Weltkrieg zusammenrecherchiert hatte, leise angemahnt, daß bei aller „Personality“ doch auch die aktenkundig belegbare Quelle keine geringe Rolle einnehmen dürfte. David Irving antwortete in einem wütenden Leserbrief; Tenor: was schert mich Papier ...

Aber in seinem Rang als Zeithistoriker, für deutsche Verhältnisse immerhin, hat er sich mit seinem Buch über Erhard Milch gerechtfertigt. Eben deshalb: weil er sich endlich nicht auf Interviews allein verlassen, sondern die zwar umstrittenen, aber meist unwiderlegbaren Papierzeugen hinzugezogen hat.

Natürlich ist da, wie immer, wenn ein Autor in Tuchfühlung zu seinem Objekt-Subjekt gerät, ein Unterton von Ich-kann-das-eigentlich-verstehen-Sympathie spürbar. Aber Psychoanalytisches wird angedeutet. Um ein Beispiel zu erwähnen: Dieser Erhard Milch hatte eine Mutter, die ihre Kinder nicht vom angetrauten Manne zeugen ließ. Milch? Ein Name, mehr nicht! Von Hermann Göring, der die Luftwaffe zwar nicht schuf, aber mit ihr die vielleicht gewichtigsten außenpolitischen Repressalien in jener Zeit ermöglichte, ist der Ausspruch überliefert: „Wer Jude ist, bestimme ich.“ Das ist so, Wort für Wort, nicht richtig und ist nicht auf Erhard Milch, dem die Gauleiter übel wollten, gemünzt gewesen. Göring hatte, laut Milch, gesagt: „Wer bei mir Jude ist, bestimme ich“; und das bezog sich auf Dr. Martin Wronsky, das „technische Genie“ im Direktorium der Deutschen Lufthansa, an deren Spitze damals Erhard Milch stand, einer der jüngsten, cleversten, diszipliniertesten Manager in jenem Zwischenreich zwischen Kaiser und Hitler. Ob Milch nun Jude, Halbjude oder, herausfordernd gefragt, ein Hindu-Abkömmling war – David Irving weiß es; aber er sagt es nicht.

Erhard Milch macht’s einem schwer. Er hat den Kranich, den Wappenvogel der Lufthansa, wie vom Katapult gestartet. Er war der korrekte Alles- und Besserwisser. Er wurde Feldmarschall, ohne in einem Feldzug gesiegt zu haben, was heeresgraue Feldmarschälle ihm übel ankreideten, weil sie nicht ahnten, daß man auch in Produktionsschlachten Feldzüge zu gewinnen vermag. Erhard Milch hat von 1941 bis 1944 die Flugzeugproduktion in Deutschland mehr als verdreifacht. Er war ein Manager mit Generalstabsstreifen an der Hose. An der Front war er eher gefürchtet, ein Typ, der mit dem Schreckwort „Kriegsgericht“ um sich warf. Er war es womöglich nicht, aber er wirkte brutal.

Er war ein Erzfeind des Generalluftzeugmeisters, Weltkrieg-I-Helden und Sportfliegers Ernst Udet und hatte in der Sache recht; aber wo Udet – Kognakflasche her – längst begriffen hatte, daß dieser Krieg verloren war, mobilisierte Erhard Milch noch immer seinen Führer-wir-folgen-dir-Fanatismus. Ernst Udet, der Weltmann und, wenn auch leicht versoffene, Gentleman war nicht nur humaner; er war auch realistischer als sein Gegenspieler, der auf Zahlen, Daten, Fakten pochte.

Ich erinnere mich an jene Lagen der Hilflosigkeit, als wir draußen vor der Küste in irgendwelchen Geleitzugschlachten nach Luftwaffenunterstützung funkten und sie nicht erhielten. Ich entsinne mich jenes Urlaubs in der Reichshauptstadt Berlin, in dem ich Nacht für Nacht in den Luftschutzkeller gescheucht wurde. Ich denke an die fünf oder sechs aus unserer Abiturklasse, die abstürzten, bevor ihnen das Ritterkreuz am Halse hing. Ich weiß noch heute: wie wir sie verflucht haben, jene Luftwaffe, die – in unserer Sicht – nie da war, wenn man sie brauchte. Erhard Milch? Der Name kam uns bekannt vor, mehr nicht.

Milch war ein Flieger, der sein Element verriet. Das auszusprechen, fällt dem Rezensenten, der in jungen Jahren auch einmal der Himmelsstürmer-Generation angehört hat, nicht leicht. Warum, im Namen des Teufels General, hat Erhard Milch nicht „Nein“ gesagt! Darum: „Sowohl als Offizier wie auch schon in meinem Elternhaus war die Treue zu Kaiser und Vaterland die einzige politische Belehrung, die ich erhalten habe“, erklärte er vor dem Tribunal der Sieger, als es für ihn um Zuchthaus oder Schafott ging. Jene Belehrung war allzu kümmerlich. Er hätte vom Verstand her sein müssen, was er vom Sentiment her war: ein politischer Offizier.

Dieser Erhard Milch war auch so einer wie der Albert Speer, ein Technokrat, der erst überhaupt nicht und dann zu spät fragte: Was, wie, warum und für wen? Er war ein Deutscher seiner Zeit. Genau das macht dieses Buch wichtig.