Von Marianne Kesting

Bei der wachsenden Buchproduktion macht sich der Wunsch nach literarischen Übersichten immer stärker bemerkbar. Es ist eine groteske Tatsache, daß sie sich oft besser verkaufen als die Primärliteratur. Da selbst die, die nichts anderes tun als lesen, nicht alles lesen können, greift nicht nur das breite Publikum zu solchen Nachschlagewerken.

Ein umfassendes und vorzüglich zusammengestelltes Kompendium dieser Art ist –

„Grenzverschiebung“ – Neue Tendenzen in der deutschen Literatur der sechziger Jahre, herausgegeben von Renate Matthaei; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 384 S., brosch. 36,– DM.

Was Renate Matthaei, Verlagslektorin in Köln, mir durch mehrere kenntnisreiche und intelligente Arbeiten über Luigi Pirandello aufgefallen, hier als Dokumentation bietet, ist eine Mischung von Verlagsprospekt und Autorenlexikon. Alphabetisch geordnet marschieren sie auf, zunächst mit ihrer Biographie, dann mit einigen Selbstäußerungen über ihre Art zu schreiben, einem charakteristischen Textbeispiel oder mehreren und schließlich der Stimme eines Kritikers, der ihre Arbeit kennzeichnet.

Die lexikalische Gerechtigkeit, mit der sie alle zu Worte kommen, bezeugt den Willen der Herausgeberin, alles zu zeigen, was in den sechziger Jahren neu aufkam oder sich, wie Gomringer und Heißenbüttel, durch speziellen Einfluß bemerkbar machte. Mit Urteilen wird in diesem Teil hintangehalten.

Diesen lexikalischen Gleichmut, der die Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte, hebt Renate Matthaei jedoch gleich wieder auf mit Hilfe eines Vorworts, das für mich zu den merkwürdigsten Äußerungen über die neue deutsche Literatur gehört. Man begegnet wahrhaft selten solch rigoroser, entschlossener Stellungnahme, scharfsinniger Analyse und engagierter, nicht immer ganz durchschaubarer Parteilichkeit.

Nicht wenige Kritiker trauern dem Dahinschwinden der Gruppe 47 nach, dem Verblassen ihrer einstigen Stars. Renate Matthaei begräbt sie ohne Bedauern als eine an die deutsche Nachkriegssituation gebundene Literatur, die das nachträglich schlechte Gewissen der Nation“ artikulierte.

Im weiteren aber werden die Kriterien nicht ganz deutlich, oder es scheinen mir die Urteile und Wertungen nicht konsequent durchgeführt.

Kann man zum Beispiel mit dem Dokumentartheater ins Gericht gehen, „das sich rasch verbrauchte“, zugleich aber die „politische Alphabetisierung Deutschlands durch „Reportagen, Dokumentationen und Aktionen“ begrüßen? Was sind beispielsweise die Industriereportagen von Günter Wallraff in der Tendenz anderes als das Dokumentartheater?

Kann man einen Autor wie Heißenbüttel, der ein Jahrzehnt lang einsam eine wenig populäre Literaturrichtung vertrat, der „Überanpassung“ zeihen, obgleich zumindest sein Verfahren doch eine kritische und auch gesellschaftskritische Methode impliziert, während man Rolf Dieter Brinkmanns Pop-Anleihe aus den USA ohne kritische Anmerkung passieren läßt, obgleich Brinkmann Anpassung lauthals predigt und sich, wie Renate Matthaei es ausdrückt, „in die Haltung des Ja“ zum vollkommenen Environment des Massenkonsums „rettete“? Erhob nicht Brinkmann dieses Zivilisationsparadies zum unkritisch konsumierten Fetisch und mimte in ihm eine „neue Spontaneität Kann man Heißenbüttels Methodik als Positivismus und Sprachfetischismus anprangern und diejenigen loben, die auf der gleichen Basis arbeiten, nämlich Franz Mon und die Wiener Gruppe?

Und wieso ist die Glorifizierung technischer Rationalität bei Marinetti faschistisch? Sie entsprach genau der Glorifizierung im russischen Futurismus, korrespondierte mit ihr sogar im Stil. Weil Marinetti später Faschist wurde? Es wäre schön einfach, wenn sich Stilrichtungen an Hand des Parteibuchs des Künstlers diagnostizieren ließen.

Renate Matthaeis Maßstäbe ergeben sich aus einer in soziologische Betrachtung umschlagenden Psychologie, die psychoanalytische Schulung verrät. Schließlich gibt sie unter anderem die Schriften Wilhelm Reichs heraus und sympathisiert außerdem mit Herbert Marcuse. Nun ist aber die Mischung von Psychologie, Psychoanalyse und soziologischer Betrachtung ein interessantes, doch in bezug auf die Literatur heikles Instrument. Das Kriterium der Qualität ist bei Renate Matthaei ausgeklammert. Es handelt sich ja um „Tendenzen“.

Auch wäre hier zu fragen, was wirklich neu an diesen Tendenzen ist. Ich wüßte außer dem Verfahren der Maler Spoerri und Rot nicht ein einziges, das es nicht schon vorher gegeben hätte, angefangen von der autonomen Sprach-Recherche, die nicht auf Gomringer, sondern auf Mallarmé und Gertrude Stein zurückgeht, bis hin zur generellen Auseinandersetzung zwischen engagierter realistischer und autonomer Kunst, die sich in den Grundentscheidungen Mailands und Zolas bereits formulierte. Sogar die „Revolution der Wahrnehmung“ gibt es seit Baudelaire, Nerval und Rimbaud, ja, Poe erhob sie schon zum ästhetischen Programm. Ich meine auch, Wellershoffs „Entdeckung“ einer individuellen Störung, in der sich eine soziale reflektiere, sei schon in der psychologisch-realistischen Literatur gemacht worden; bei Faulkner brach diese „Störung“ in die Struktur des Romans ein. Und das sagt nichts gegen Wellershoff. Im Gegenteil.

Die Literatur ist eine Antwort auf geschichtliche und gesellschaftliche Situationen, und da die gesellschaftliche seit geraumer Zeit stagniert, ergeben sich nur leichte Veränderungen der Verfahren als Reflex auf die geschichtlichen.

Alles also wiederholt sich gerade in der Tendenz alle paar Jahre und putzt sich als nagelneu heraus, woraus man allenfalls schließen kann, daß manche jungen Autoren und ihre Verlage die Literaturgeschichte der Moderne nicht genau kennen. Aber das Wort „neu“ ist eben auch ein Reklamereizwort. Es suggeriert den pausenlosen Fortschritt. Wir haben schließlich nicht nur die Haushaltswarenmesse, wir haben auch den Buchmarkt, der mit ähnlichen Slogans operiert. In Frankreich pflegt man sich zur Tradition der Moderne zu bekennen, in Deutschland ist das verpönt.

Aber was war neu an der deutschen Literatur der sechziger Jahre? Verglichen mit der unmittelbaren Nachkriegsliteratur wies sie mehr Originalität und Urbanität auf; sie bemächtigte sich, unter dem Einfluß der ausländischen Literatur, auch ästhetisch moderner Verfahren und Mittel. Wenn es der deutschen Öffentlichkeit so erscheint, als hätten wir in der Nachkriegszeit eine Anzahl „großer Namen“ gehabt, jetzt aber nur eine schwer überblickbare Menge kleinerer Talente, so ist das eine optische Täuschung. In der Nachkriegszeit gab es nur wenige, die schrieben. In den sechziger Jahren trat eine Fülle neuer Autoren ans Licht, die nur deshalb weniger durchdrangen, weil es eben eine Fülle war.

Nun haben wir wenigstens über diese Fülle eine Übersicht, ein hervorragendes Nachschlagewerk mit einem Essay, der, wenn ich auch in Einzelheiten abweichender Meinung bin, nicht das Schlechteste, ich möchte sogar sagen: das Originellste an diesem Buch ist. Dieses Vorwort ist ein Unikum in der deutschen Kritik; ich wünschte, es gäbe mehr Stimmen wie die von Renate Matthaei. Die kritische Diskussion bei uns wäre engagierter, lebendiger.