Von Gisela Brackert

Im Vergleich mit seinen Kollegen in anderen westdeutschen Großstädten ist Herbert Hohenemser, der Münchner Kulturreferent, ein armer Mann. Mit nur 24 Millionen Mark im Haushalt 1970 liegt der Kulturetat der bayrischen Metropole beinahe um die Hälfte unter den Etats von Frankfurt oder Köln, von Städten also, die gut 500 000 Einwohner weniger zählen als die inzwischen auf 1,3 Millionen angewachsene „heimliche Hauptstadt“ des neudeutschen Rumpfstaates.

Auf der anderen Seite wird niemand behaupten wollen, daß ausgerechnet in München die Künste ein Schattendasein führten; 22 Theater, 3 Kabaretts, 1 Singspiel, 26 Museen und Sammlungen, 3 große Orchester, 64 Lichtspieltheater, berühmte Bibliotheken, angesehene Buchverlage, traditionsreiche Akademien und überfüllte Hochschulen sichern München einen Spitzenplatz auf der Liste der bundesdeutschen Kultur- und Bildungszentralen. Premieren, ob Strauss in der Staatsoper, Mozart im Cuvilliés-Theater, die „Lustige Witwe“ am Gärtnerplatz, der „Coriolan“ im Residenztheater oder Ödön von Horvath in den Kammerspielen, funktionieren noch immer als gesellschaftliche Treffpunkte und dürfen als künstlerische Ereignisse der Aufmerksamkeit aller Theaterfreunde sicher sein. Die Opernfestspiele („Es wird gebeten, auf den festlichen Charakter der Aufführungen Rücksicht zu nehmen. Besucher in nicht entsprechender Kleidung müssen abgewiesen werden“) haben internationales Renommee und locken nicht nur die Honoratioren aus dem bayrischen Hinterland, sondern auch Tausende von Ausländern in das sommerliche München. Die Museen und Sammlungen sonnen sich im Glanz ererbten Ruhms und können es sich leisten, beim Wettlauf um die jüngste Moderne die Letzten zu sein. Wozu sich durch Pop Art ins Gerede bringen, wenn ohnehin feststeht, daß München die bedeutendste Museumsstadt Deutschlands ist?

Mit 24 Millionen Mark jährlich wäre dies alles nicht im entferntesten zu unterhalten. Des Rätsels Lösung ist denn auch, daß der Kulturetat der Stadt München mit dem, was man das Kulturleben dieser Stadt nennt und was durch die genannten Institutionen in seiner imponierenden Fülle markiert ist, nichts oder doch nur sehr wenig zu tun hat. Städtisch nämlich sind in der langen Liste der Münchner Kulturbastionen nur die Kammerspiele mit dem ihnen angeschlossenen Werkraumtheater, das Stadtmuseum, die Städtische Galerie im Lenbach-Haus und schließlich die Münchner Philharmoniker.

Alles andere ist staatlich-bayrisch, das heißt, es fällt in die Zuständigkeit des „Bayerischen Staatsministers für Unterricht und Kultus“, der, historisch gesehen, als Rechtsnachfolger der Wittelsbacher fungiert, jenes kunstliebenden Herrscherhauses, dem München sein hauptstädtisches Äußeres und die Erhebung in den kulturellen Adelsstand verdankt.

Politisch gesehen heißt das nun freilich nichts anderes, als daß im SPD-regierten München die Kultur fest in den Händen der CSU ist. Ein Umstand, der dem Publikum kaum bewußt wird und auch den Sozialdemokraten vermutlich nicht ganz ungelegen kommt, da sie auf diese Weise der leidigen Frage nach den mehr kulinarischen oder mehr aufklärerischen Qualitäten des kulturellen Oberbaus mit der Gelassenheit des Nichtbetroffenen begegnen können, im übrigen aber von dem Renommee profitieren, das ein im höchsten Maße auf Kunstgenuß und Qualität, auf große Namen und schöne Stimmen angelegtes Kulturleben der von ihnen regierten Stadt anbringt.

Mögen sich andere über die Berufungspolitik und Stammtischkontakte der Herren vom Salvatorplatz die Haare raufen und das Maul zerreißen – am Rindermarkt, dem Sitz des Städtischen Kulturdezernats, handelt man nach dem Satz, daß München zu klein sei für ganz große Streitigkeiten, und hält auf gute Nachbarschaft.