General de Gaulles Erbschaft lastet schwer auf der nuklearen Entwicklung Frankreichs. Alle Einsichtigen wußten schon lange, daß seine mehr auf Prestige – atomare Rüstung und Unabhängigkeit von den USA – als auf Leistungsfähigkeit gerichtete Atompolitik in eine Sackgasse führen mußte. Das hartnäckige Festhalten an der Stromgewinnung auf der Grundlage von Natururan, über das die Franzosen allerdings in großen Mengen verfügen können, hat das Land viele Milliarden Francs gekostet, denn dieses System ist ebenso kostspielig wie unrentabel.

Eine der ersten Entscheidungen von de Gaulles Nachfolgern war daher die „schmerzliche Überprüfung“ des bisher Erreichten und der Beschluß, die nukleare Organisation Frankreichs an Haupt und Gliedern zu reformieren. „Gesagt“ ist bei der notwendigerweise langfristigen Planung allerdings noch lange nicht „getan“. Die innere Krise der Atompolitik zwang Frankreich zwei Jahre lang, auf den Bau neuer Anlagen zu verzichten.

Die französischen Atompolitiker glauben, daß jetzt ihre Sternstunde gekommen ist, weil die Kernenergie durch das Emporschnellen der Ölpreise konkurrenzfähig wird und damit eine entscheidende Rolle in der französischen Energiewirtschaft spielen kann.

Um die völlige Reorganisation der Atompolitik erfolgreich durchführen zu können, mußten allerdings ihre bisherigen Leiter über die Klinge springen. Der Kommissar für Atomenergie, Francis Perring, einer der bedeutendsten Atomwissenschaftler des Landes, ging in Pension und wird Bücher schreiben. Sein engster Mitarbeiter, Robert Hirsch, wurde mit einem anderen Posten in der Staatsverwaltung abgefunden.

Neuer „Atomzar“ wurde der Polytechniker und Ingenieur André Giraud, 45 Jahre alt. Er versteht durchzugreifen und hat sich auf anderen Posten bewährt. Seine erste Maßnahme war es, in der Atomverwaltung die bisher praktisch autonomen, sich oft bekämpfenden „Herzogtümer“ abzuschaffen und sie durch achtzehn „operationelle Einheiten“ zu ersetzen. Daß es dabei zur Entlassung von 250.0 der 30 000 Mitarbeiter des Atomkommissariats kam, hat natürlich die Gewerkschaften auf den Plan gerufen.

Girauds zweiter Schritt war es, eine engere Verbindung zur Industrie herzustellen. Zusammen mit dem Übergang zu amerikanischen Verfahren, das angereichertes Uran als Grundstoff benutzt, ist dies von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der französischen Nuklearpolitik. Immer wieder haben in der Vergangenheit Atomanlagen für Wochen und Monate stillgelegen, weil die von den französischen Firmen gelieferten nicht nuklearen Teile den hohen Belastungen der nuklearen Krafterzeugung nicht standhielten. Durch einen Zusammenschluß oder zumindest eine enge Zusammenarbeit der Zulieferfirmen soll eine Qualitätsverbesserung erreicht werden.

Die französischen Behörden betonen, daß der im März veröffentlichte neue Atomplan nicht im Zusammenhang mit der Algerienkrise steht, obwohl beide Ereignisse zeitlich zusammenfielen. Die Vermutung lag nahe, da der neue Plan eine erhebliche Beschleunigung der Kernenergie-Entwicklung bringt. In den Jahren von 1971 bis 1975 sollen nun nicht, wie bisher vorgesehen, nur zwei, sondern vier oder fünf neue Atomkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 8000 Megawatt (MW) gebaut werden. Das bedeutet also mehr als eine Verdoppelung des bisherigen Bauprogramms.