Von Siegfried Ludwig

München

Die junge Frau mit der nußbraunen Perücke schlug ihren Midimantel aus weißem Knautschlack zurück und sprang mit einem Satz auf den Banktresen. Sie richtete eine Pistole auf den Filialleiter Karl Holler. Der 42jährige und seine dreißig Mitarbeiter mußten mit erhobenen Händen zusehen, wie ein zweiter Täter in der Kassenbox 50 000 Mark zusammenraffte, während ein dritter Komplice vier Bankkunden bedrohte, die er gezwungen hatte, sich auf den Boden zu legen. Als der eine der Männer das Geld in einem Sack verstaut hatte, sprangen die drei durch das Rückfenster der Bank, wobei sie noch einen Schuß aus einer abgesägten Schrotflinte abgaben. So geschehen am 13. April 1971 in der Filiale Ecke Frankfurter Ring / Knorrstraße der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank in München: Die Banklady hatte wieder zugeschlagen.

Inzwischen kennt man die Frau mit dem Midimantel aus Knautschlack, die so gut mit Pistolen umgehen kann: Es ist die 29jährige Margarethe Gaier-Czenky, genannt Margit. Sie steht unter dem Verdacht, außer dem Coup am 13. April noch an zwei weiteren Banküberfällen beteiligt gewesen zu sein, die vorher in München begangen wurden. „Bonnie & Clyde“ in Bayern?

Die Öffentlichkeit schien bereit, nach diesen ersten beiden Überfällen dem weiblichen Banditen für seine Tollkühnheit eine gewisse Achtung zu zollen. Hatten bislang in der Regel „Gentlemen“ zur Kasse gebeten, so war es nun eine „Lady“, die die Banken etwas um Geld erleichterte. „Banklady“, aus diesem Wort sprach der Respekt des Bürgers für eine tolldreiste Frau, die durch Gewalttätigkeit zu einem Leben ohne finanzielle Sorgen kommen will. Es ist fraglich, ob diese verborgenen Sympathien noch bestehen, seitdem bekannt ist, daß Margit Gaier-Czenky möglicherweise aus politischen Motiven Banken überfällt.

Der Verdacht auf ein derartiges Motiv liegt nahe, seitdem man weiß, wer die drei Komplicen der Banklady sind. Es handelt sich um den 19jährigen Arbeiter Karl-Heinz Kuhn, den 20jährigen Studenten Roland Otto und den 22jährigen Studenten Rolf Heißler. Kuhn und Otto waren unmittelbar nach dem Überfall gefaßt worden. Nachdem das Auto, mit dem sie fliehen wollten, nicht angesprungen war, hatten sie sich in einem Keller in der Milbertshofener Straße versteckt und dort gegenseitig die Kleider getauscht. Dabei wurden sie von einem Polizeibeamten in Zivil verfolgt und festgenommen. Dieser Beamte war kurz nach dem Überfall an der Bank vorbeigekommen und hatte die Täter fliehen sehen. Er war an diesem Tag mit einer Aktentasche voller Handzettel unterwegs, um das Personal von Banken über richtiges Verhalten bei Überfällen aufzuklären.

Karl-Heinz Kuhn legte einen Tag nach seiner Festnahme ein Geständnis ab. Er wird bereits seit dem 23. Januar von der Polizei gesucht. Er steht unter dem Verdacht, in der Nacht zum 18. September vergangenen Jahres Molotow-Cocktails auf zwei Polizeiautos des Münchner Polizeireviers 20 in der Waldfriedhofstraße geworfen zu haben. Außerdem wird untersucht, ob er an einem Anschlag auf die Zweigstelle der Bank für Gemeinwirtschaft in Perlach beteiligt war. Darüberhinaus wird ihm vorgeworfen, am 4. Januar auch in einem Raum des 6. Polizeireviers in Schwabing einen Sprengkörper zur Explosion gebracht zu haben. Kuhn, der aus Neumarkt in der Oberpfalz stammt, wo er zur Kommune eines ehemaligen evangelischen Geistlichen gehörte, war mit zwei Freunden nach München gekommen. Einer von ihnen leistete im Münchner Altersheim St. Josef seinen Ersatzdienst als Wehrdienstverweigerer ab. Er wurde verhaftet, als man bei ihm in einem Matchsack Molotow-Cocktails und eine Brandfackel fand.