Das Verbrechen von Songmy (My Lai), der Luftkrieg gegen Nordvietnam und Laos, die Operationen in Laos und Kambodscha haben fünf Jahre nach dem ersten Russell-Tribunal in Stockholm wieder zwei Fragen akut werden lassen: 1. Ist der Krieg der Amerikaner in Indochina völkerrechtswidrig? 2. Lassen sich die Kriegsverbrechen der Amerikaner, wenn schon nicht rechtfertigen, so doch relativieren durch den Terror der Vietcong? Auf letztere Frage versucht eine Antwort zu geben:

Douglas Pike: "The Viet-Cong Strategy of Terror"; 88 Seiten, brosch.

Herausgeber und Erscheinungsort dieser Broschüre werden verschwiegen. Es heißt lediglich, sie sei im vergangenen Jahr eigens für die "United States Mission, Viet-Nam" verfaßt worden. Man kennt allerdings den Autor als einen "Vietcong-Experten", der als offizielles Sprachrohr für die Politik der amerikanischen Regierung in Vietnam fungiert. Er geht von folgender Grundthese aus: Der Krieg in Vietnam hat zwei Ursachen: erstens die nordvietnamesische Aggression gegen die südvietnamesische Republik und zweitens die Terroraktionen der Nationalen Befreiungsfront Südvietnams. Pike untersucht, wie man organisatorisch wirksam der "Technologie des Terrors" begegnen kann.

Den Terror definiert Pike zweckbedingt als "illegale Gewalttätigkeit"– im Gegensatz zur "Kriegführung", die völkerrechtlich "legal" sei. Pike glaubt, drei Ziele des "Vietcong-Terrorismus" feststellen zu können: 1. Vernichtung des Gegners, 2. Bewahrung der kommunistischen Moral und 3. Beeinflussung der Bevölkerung.

Als Sonderfall dieses Terrorismus sieht der Autor das "Hué-Massaker" während der Tet-Offensive 1968, in dem 5800 Zivilisten von "Vietcongterroristen" umgebracht worden sein sollen. Nicht ganz zu Unrecht beklagt sich der amerikanische Autor, daß die Weltöffentlichkeit zu wenig über dieses Massaker informiert worden sei, als daß sie sich darüber hätte empören können. Zum Beispiel habe Lord Russell niemanden von seinem Tribunal zur Beweisaufnahme nach Hué geschickt, schreibt der Autor einigermaßen zynisch.

Freilich würde man es sich zu leicht machen, wenn man Pikes Ausführungen als Propaganda abtäte, verhehlen doch die "Vietcong" selbst keineswegs ihre "Terrorstrategie". Was Pike jedoch nicht übersehen sollte, ist die Tatsache, daß die Amerikaner, die er stolz als "Erben einer viertausendjährigen Zivilisation" bezeichnet, in Vietnam ebenfalls drei Ziele verfolgen, die im Grunde denen der "Terroristen" analog sind: "search and destroy ("Aufspüren und Vernichten"), "vietnamization" ("Vietnamisierung") und "pacifikation" (Befriedung).

Eine durch und durch seriöse, mit der Gelassenheit des unengagierten Theoretikers geschriebene Analyse des Vietnamkonfliktes