Ein wie Ernest Hemingway aussehender weißbärtiger Pflanzer in ordengeschmückter Khakiuniform streichelt liebevoll den Kopf eines ausgestopften Tigers. In der anderen Hand hält er ein Glas Tonicwasser. Kommentar: „Philipp Bashethree wurde ‚Master of the Palm für seine Entwicklung des vollventilierten Tropenhelms. Er ist Schweppestrinker.“

Mit einer Serie skurriler Werbebotschaften bringt der Londoner Getränke- und Süßwarenkonzern Cadbury-Schweppes Ltd. gegenwärtig deutsche Illustriertenleser und Kinogänger zum Schmunzeln. Gestützt auf einen Werbeetat von über drei Millionen Mark, umgeben die Briten ihre Produkte in Anzeigen und Spots mit photographischen Karikaturen auf die englische Gesellschaft mit ihrer Vorliebe für Orden und Auszeichnungen. Ins rechte Bild setzte den britischen Humor ein Brite: Ben Nash, Kreativdirektor der Frankfurter Werbeagentur Heumann, Ogilvy & Mather, die den Schweppes-Werbeetat verwaltet.

Nashs kreatives Hirn ersann beispielsweise einen gewissen Thomas Banffshire, der für sein „Verzeichnis englischer Schloßgeister“ mit dem „Blue Band of the Midnight“ dekoriert wurde; Terence Benedict-Boothby erhielt die Auszeichnung „Order of the Greens“ für seine Denkschrift über die Wachstumsgeräusche englischen Rasens; zum „Master of the Lips“ machte Nash schließlich die von ihm geborene Figur des Gordon Thistelthwaite – für dessen „33stündige Rede über die kommerzielle Nutzung Londoner Nebels“.

Ihre Fabelfiguren der britischen Society lassen Schweppes’ Werbemanager auf einem Teilgebiet des bundesdeutschen Getränkemarktes agieren, auf dem die Industrie zur Zeit stolze Umsatzrekorde melden kann: im Bereich der bitteren Erfrischungsgetränke. Allein die deutsche Schweppes-Niederlassung in Hamburg, die mit ihren fünf Marken „Indian Tonic Water“, „Bitter Lemon“, „Bitter Gold“, „Soda Water“ und „Ginger Ale“ in diesem exklusiven Markt die Position des Branchenführers behauptet (die Firma hat einen Marktanteil von über 50 Prozent), konnte in jedem der drei letzten Jahre eine Verdoppelung ihrer Umsätze bekanntgeben.

Die Bittergetränke profitieren von der mit steigendem Wohlstand differenzierter gewordenen Trinkkultur der Bundesbürger. Besonders unter Angehörigen gutsituierter Schichten gilt es heute als ausgesprochen chic, den Barmixer im eigenen Heim zu spielen. Gin wird in diesen Kreisen längst nicht mehr pur, sondern mit Tonicwasser als Gin-Tonic getrunken. Ein regelrechtes Modegetränk an deutschen Bars, interessanterweise besonders in Berlin, ist zur Zeit Wodka-Bitter Lemon. Die Popularität dieser Longdrink-Spezialität bewirkte, daß die Einfuhr des russischen Wodkas „Moskowskaja“ („der weiche Harte mit dem milden Aroma“) und der polnischen Marke „Wyborowa“ in jüngster Zeit kräftig angestiegen ist.

Marktführer Schweppes ist der Durchbruch auf dem deutschen Markt erst in den letzten vier Jahren gelungen, Zuvor hatten die Briten versucht, ihre Getränkesorten von der Dortmunder Union-Brauerei in Lizenz abfüllen und vertreiben zu lassen, allerdings ohne großen Erfolg. 1966 entschlossen sie sich, ihre Produkte über das Hamburger Spirituosen-Importhaus Charles Hosie in deutsche Restaurants und Haushalte zu lancieren.

Hosie, der so bekannte Spritmarken wie „White Label“, „Gordon’s Dry Gin“, „Courvoisier“ und „Bacardi“ in seinem Sortiment führt, übernahm Schweppes’ exquisite Bitterspezialitäten in einem günstigen Moment. Denn seit einigen Jahren erleben alkoholfreie Erfrischungsgetränke in der Bundesrepublik einen steilen Aufstieg. Von 1961 bis 1969 erhöhte sich der Pro-Kopf-Verbrauch um nicht weniger als 51 Prozent; in derselben Zeit stieg der Absatz der gesamten Branche nur um 16 Prozent. Von 524 Liter Getränken, die der Durchschnittsdeutsche 1969 konsumierte, waren 190 Liter Kaffee und Tee, 135 Liter Bier, 130 Liter Milch und 55,4 Liter Limonaden und Mineralwasser.