Die Israelis richten sich auf lange Fristen ein – Augenschein im besetzten Gebiet

Von Theo Sommer

I.

Israel ist knapp handtuchbreit, selbst in den Waffenstillstandsgrenzen von 1967. Ein Flug von Tel Aviv nach Süden macht das anschaulicher als alles Kartenstudium: Links blinkt das Tote Meer durchs Kabinenfenster, rechts das Mittelmeer. In solchen Dimensionen liegt Verwundbarkeit. Aus der Verwundbarkeit aber wächst der Wille zu militärischer Sicherung. Nichts wird die Israelis dazu bringen, ihren Sieg von 1967 zu verschenken. Grenzkorrekturen sind der Preis, den sie für einen Rückzug ihrer Truppen aus den besetzten Gebieten verlangen. Sie trauen den Arabern nicht; also sollen sich die Araber zu territorialen Zugeständnissen verstehen, die Vertrauen überflüssig machen. Lehnen die Araber dies ab – nun gut, dann bleibt eben alles, wie es ist.

Die Israelis richten sich auf lange Fristen ein. "Der Konflikt mit den Arabern war fünfzig Jahre lang unlösbar – und er wird noch zwanzig Jahre lang unlösbar bleiben", sagte mir ein leitender Beamter im Auswärtigen Amt zu Jerusalem. Der Gedanke verursachte ihm kein Schaudern. Auch dem General nicht, der mir erklärte, er habe keine große Hochachtung vor dem ägyptischen Militär, er glaube nicht, daß die arabischen Streitkräfte in den nächsten zwei Generationen eine wirkliche Modernisierung zuwege brächten. "Die Zeit arbeitet für uns." Bis dahin jedoch könnte sich allmählich die Haltung der Araber wandeln, könnte das Konfrontationsdenken aufgeweicht werden. "Unsere aufgeklärte Politik in den besetzten Gebieten mag dazu Entscheidendes beitragen."

Die aufgeklärte Besatzungspolitik läßt sich nicht leugnen. In dreierlei Hinsicht ist sie bemerkenswert.

Erstens: Das israelische Militär tritt sowenig wie möglich in Erscheinung. Die 360 000 Bewohner des unruhigen Gaza-Streifens werden nur von knapp 500 israelischen Soldaten überwacht. Auf dem Westufer des Jordans, in Judäa und Samaria, gibt es nur wenige Armeeposten. Die Regel ist: strategisch wichtige Punkte halten, von denen aus sich das Gebiet kontrollieren läßt, aber sich nicht ins Leben der Bevölkerung einmischen.