Von Kilian Gassner

München

Wenn der „Fall Renate Putz“ eines Tages als Fernsehkrimi ins Haus geliefert wird, werden anschließend die Kritiker gewiß sagen, da habe man ja nun wirklich allzu dick Menschliches, Unmenschliches und Ungereimtes zusammengetragen – bis hin zur Trauerfeier für das Opfer, zu der durch einen Hintereingang des Friedhofs (natürlich) ein Mercedes mit den trauernden Eltern rollte und in der Aussegnungshalle dennoch kein Beethoven, sondern das Trompetensolo „Il Silenzio“ erklang.

Renate Putz ist Millionärstochter, einziges Kind des Transport- und Baggerunternehmers Franz Putz. Nach Handels- und Haushaltsschule arbeitet die 16jährige im elterlichen Betrieb in der Münchner Kistlerhofstraße im Stadtteil Sendling. Der Vater zahlt ihr 900 Mark brutto, schleust sie durch alle Abteilungen und hofft, daß sie eines Tages mit dem richtigen Mann, sprich Fachmann, den Betrieb übernimmt.

Am Montag, dem 5. April, sagt Renate kurz vor der Mittagspause zu einer Bürokollegin: „Ich muß schnell noch zum Großmarkt, bin aber bald wieder da.“ Die Kollegin berichtet es den Eltern, als Renate auch bei Büroschluß noch nicht zurück ist, aber Franz (45) und Ernestine (46) Putz stecken noch fest in der Arbeit. Auch als Renate am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag verschwunden bleibt, machen sich die Eltern keine übertriebenen Sorgen. Sie glauben, Renate sei bereits mit Freundinnen in die Osterferien gefahren, wie sie es angekündigt hatte. Das Ehepaar Putz denkt ans Ausspannen und reist am Karfreitag, dem 9. April, Richtung Süden, ins eigene Landhaus im Tessin.

Als das Ehepaar am Abend des 15. April nach München zurückkommt, findet Franz Putz zwei Briefe ohne Absender vor. Die maschinengeschriebenen Schriftstücke enthalten die Aufforderung, 350 000 Mark zu bezahlen, „falls den Eltern die Rückkehr der Tochter erwünscht ist“. Als Beweis legte der Kidnapper einen Ring und einen Armreif von Renate bei, „So a Schmarrn“, sagt Franz Putz, „der kriagt koane fünf Markl von mir.“ Erst jetzt wird die Kriminalpolizei eingeschaltet.

Freilich, die Eltern Putz hätten auch mit einer Vermißtenanzeige zu einem früheren Zeitpunkt am Sachverhalt höchstwahrscheinlich nichts ändern können. Als am 19. April in einer Kiesgrube in der Nähe der Autobahn bei Starnberg der Landwirt Ludwig Scharl einen Fuß aus einer Erdaufschüttung ragen sieht und die Leiche kurz darauf als Renate Putz identifiziert ist, stellen Polizei und Gerichtsmediziner fest: Das Mädchen ist sehr wahrscheinlich schon am Tag seiner Entführung durch Schüsse in Brust und Rücken umgebracht worden – der Entführer hat sein Opfer nach dem Vorbild der „klassischen“ Kidnapping-Fälle sofort ermordet und erst dann versucht, ein Lösegeld zu kassieren.