„Ungarische Dichtung aus fünf Jahrhunderten“. Für den Ungarn, der gewohnt ist, ausländische Dichtung in der Übersetzung seiner besten Dichter zu lesen (János Arany, Mihály Babits, Árpád Tóth und Miklós Radnóti übertreffen sogar an mancher Stelle das Original), bedeutet dieser Band eine arge Enttäuschung, obwohl bei seinem Zustandekommen Dichter wie Stephan Hermlin, Franz Fühmann, Peter Hacks, Günter Kunert mitgewirkt haben. Für den Nicht-Ungarn ist der Band dennoch eine bedeutende Orientierungshilfe; er lernt aus den Übersetzungen die Haupttendenzen der ungarischen Lyrik kennen, und ein sehr ausführliches Nachwort (von György Mihály Vajda) sowie die Biographien der Dichter sorgen dafür, daß er zusätzliche und aufschlußreiche Informationen erhält. Auf jeden Fall wird ihm klar werden, daß der ungarische Poet seit eh und je auch die Rolle des Volkstribuns zu erfüllen hatte; die Sorge um den Fortbestand der Nation und deren soziale Weiterentwicklung ist fast aus jedem Gedicht herauszuhören. Nicht weniger Kummer bereitete den ungarischen Dichtern die Isoliertheit von Europa. Es ist also von Anfang an eine Dichtung mit tragischen Untertönen. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand man die Leiche von Miklos Radnóti in einem Massengrab; ein Genickschuß hatte seinem Leben ein Ende gesetzt. Seine letzten, im Konzentrationslager und auf dem Marsch nach Deutschland verfaßten Gedichte hatte er in ein Schulheft geschrieben, und sein allerletztes Gedicht enthält auch einen deutschen Satz: „Er stürzte neben mir. Sein Leib, gekrümmt, ward straff/wie eine Saite straff wird vorm Zerspringen./Genickschuß. Bleib nur ruhig liegen, dacht ich/die Kugel wird ein gleiches Los dir bringen./ DER SPRINGT NOCH AUF! schrie gellend eine Stimme./Schlamm, blutvermischt, trocknet an meinem Ohr.“ (Corvina-Verlag, Budapest/Auslieferung: Röth-Verlag, Kassel; 347 S., 11,80 DM) Mario Szenessy