Düsseldorf

Ein „böser Geist“ läßt der Stadt Düsseldorf keine Ruhe. Der ehemalige Nazi-Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar Friedrich-Karl Florian hat Klage gegen die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt beantragt. Florian zieht keineswegs für einen materiellen Vorteil vor den Kadi, sondern wegen ideeller Schädigung. Die ehemalige Nazi-Größe hält eine historische Schilderung ihrer unrühmlichen Tätigkeit vormals am Rhein in einigen Punkten für falsch. Florian will mit Hilfe der Gerichte erreichen, daß drei Passagen in der Studie „Düsseldorf und der Nationalsozialismus“, die vom Kulturamt der Stadt herausgegeben wurde, künftig nicht mehr verbreitet werden.

Der braune Führer, den das Presseamt der Stadt Düsseldorf als einen „der übelsten Durchhaltefanatiker Hitlers bis zum bitteren Ende“ bezeichnet, behauptet, bei Luftangriffen während des Krieges nicht einen Bunker außerhalb Düsseldorfs aufgesucht zu haben. An der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ will der Gauleiter nicht beteiligt gewesen sein. Auch bestreitet er jede Beteiligung oder Zuständigkeit bei einem Standgericht, das am 16. April 1945 fünf Düsseldorfer hinrichten ließ, weil sie einer Gruppe von Bürgern angehörten, die durch direkte Verhandlungen mit den US-Truppen die Stadt vor weiterer sinnloser Zerstörung retteten. Bei seiner Klage gegen die Stadt läßt Florian sich auch von einem zeitkundigen Genossen vertreten. Sein Anwalt ist nämlich der letzte NS-Oberbürgermeister von Düsseldorf, Dr. Carl Haidn.

Der Verfasser der bemängelten zeitgeschichtlichen Studie ist der 32jährige Pädagoge und Historiker Hans-Peter Görgen. Der Studienrat an einem Düsseldorfer Gymnasium hatte 1968 an der Universität Köln mit einer Dissertation über Düsseldorf und die braune Epoche promoviert. Aus seiner wissenschaftlichen Darstellung machte Görgen das von Florian inkriminierte Buch, das in einem bekannten Düsseldorfer Verlag erschienen und in jeder Buchhandlung erhältlich ist – übrigens seit zwei Jahren.

Görgen geht es in seiner Studie, für die er alle gegenwärtig greifbaren und bekannten Quellen benutzt hat, nicht um eine „verspätete Bloßstellung oder Rache“. Auch erteilt der Historiker seiner eigenen Geburtsstadt keineswegs eine immer schmeichelhafte Note. Er schreibt nämlich, daß Düsseldorf sich nicht durch besondere Widerstandsfähigkeit gegen die Nazis ausgezeichnet habe. Doch das Urteil Görgens über den ehemaligen Gauleiter ist erdrückend. Nach seiner Meinung ist die Frage nach der treibenden Kraft des Nationalsozialismus in Düsseldorf mit der Nennung Florians beantwortet, auch wenn dies vielleicht hieße, „ihn in seiner negativen Größe und historischen Bedeutung zu überschätzen“. Eine Milderung des radikalen Vorgehens wäre ihm sicher hier und da möglich gewesen. Görgen kommt jedoch zu dem Schluß, daß Florian „mit SA, SS und Gestapo zwölf Jahre lang so etwas wie der ‚böse Geist‘ Düsseldorfs gewesen ist“.

Tatsächlich hat der gebürtige Essener Florian seinen Gau immer mit harter Hand regiert. Der heute 77jährige, der in der Nähe Düsseldorfs in der Gemeinde Unterbach lebt, war Grubenbeamter, bevor er über den Ortsgruppenleiter in Buer (Westfalen) 1929 zum Bezirksleiter in Düsseldorf avancierte. Florian brachte den durch interne Streitigkeiten zerrütteten Gau auf Vordermann. Hitlers Machtergreifung begrüßte er dann mit der Parole: „Den Feind im Auge! Und angreifen, nachsetzen bis zur Vernichtung!“ Wenig später hatte Florian einen seiner prominentesten Feinde im Visier, den bürgerlichen Oberbürgermeister Robert Lehr. Mit Vorwürfen wie „Korruption“ und „Dienstvergehen“, die Florian als „Staatskommissar“ teilweise selbst untersuchte, entfernten die neuen braunen Herren den verdienten Kommunalpolitiker und mit ihm zahlreiche andere Beamte aus ihren Stellungen. Nach einigen mehr oder minder glücklosen Zwischenspielen hievte Florian 1939 seinen heutigen Verteidiger Haidn auf den Stuhl des Stadtoberhauptes.

Aber nicht nur bei der Hatz auf unliebsame Beamte waren die Nazis in Düsseldorf pingelig. Auch bei Pogromen und der „Endlösung“ waren sie sehr rührig. So schreibt Görgen, daß von den 5053 Juden, die 1933 in Düsseldorf wohnten, nur 57 das Kriegsende in ihrer Heimatstadt erlebten. Auch wurden nach Görgens Darstellung zahlreiche Kranke aus den Heil- und Pflegeanstalten in Grafenberg „auf Anordnung des Reichsverteidigungskommissars, Gauleiter Florians, nach Obrawalde (Meseritz, Posen) verschickt. Der Nachkriegsprozeß gegen die Krankenschwestern dieser Anstalten hat Aufschluß über den medizinischen Mord gegeben“.