DIE ZEIT

Blutzoll

Die Kriegsziele wechselten, die Truppen blieben. Zu Zeiten von John Foster Dulles sollten sie Vietnam als Bollwerk des Antikommunismus stärken, unter Kennedy den Anti-Guerilla-Krieg erproben, unter Johnson den Feind auf die Knie zwingen.

Königs Wort

Kardinal König, der Primas der katholischen Kirche Österreichs, soll im Breslauer Dom gesagt haben: „Ich habe euer Land betreten, euer westliches Land.

Wie weiter ohne Ulbricht?

Vor wenigen Jahren noch gab es hierzulande viele, die sehnten inbrünstig den Tag herbei, da Walter Ulbricht von der Bühne abtrat – den Tag des Umschwungs in den deutschen Dingen, wie sie glaubten, der großen Wende.

Die Mark im Gedränge

Das beherrschende politische Thema in Bonn ist auch in dieser Woche die Wirtschaft: die Bergfahrt der Preise, der Milliardenzufluß an Dollars, der Wechselkurs der Mark.

Altkanzlers Irrtum

Kurt Georg Kiesinger ist dabei, sein eigenes Denkmal in der Union zu stürzen. Erschreckte Christliche Demokraten verbreiten die Kunde, der Altkanzler finde nicht nur den Gedanken, die Parteiführung sei doch wohl am besten bei ihm aufgehoben, immer attraktiver, sondern er betrachte sich auch im Wettlauf um die Kanzlerkandidatur keineswegs schön als ausgeschieden.

Über Ulbricht

„Seine Überlegenheit über andere bestand nicht in tieferer Einsicht oder größerer Reife, sondern in seiner Fähigkeit, stets besser informiert zu sein als andere und viel hartnäckiger der Durchführung von Einzelheiten nachzugehen.

Absage an den „Brückenschlag“

Alle CDU/CSU-Regierungen, einschließlich der Regierung der Großen Koalition, stellten sich die Aufgabe, den westdeutschen Imperialismus in die Lage zu versetzen, die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges zu revidieren.

Von Ulbricht

„Wenn man das Unkraut nicht bekämpft, dann erstickt es diejunge Saat... Deshalb haben wir die Risse in unserem Haus dichtgemacht, die Schlupflöcher für die ärgsten Feinde des deutschen Volkes geschlossen.

Eine neue Ära?

Havemann: Seine Bedeutung kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Ulbricht hat eben doch ganz entscheidend die Entwicklung Deutschlands in den letzten zwanzig Jahren bestimmt – oder mitbestimmt zumindest.

Der Virtuose der Macht

Wer vor vierzehn Tagen den öffentlichen Auftritt Walter Ulbrichts anläßlich des 25. SED-Jubiläums im Fernsehen erlebt hat, den konnte sein Rücktritt nicht mehr überraschen.

Abschied von der Macht

Nach reiflicher Überlegung habe ich mich entschlossen, das Zentralkomitee auf seiner heutigen Tagung zu bitten, mich von der Funktion des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der SED zu entbinden.

Lotsen auf Gegenkurs

Georg Leber verlor die Contenance; die rhetorischen Sicherungen brannten ihm durch. Vor Kameras und Korrespondenten beschimpfte er die Funktionäre des Flugleiter-Verbandes.

„Zwischenstand“ in Berlin

Der Optimismus ist verflogen. Die Prophezeiungen, in denen von einem „absehbaren“ oder sogar „baldigen“ erfolgreichen Abschluß der Berlin-Verhandlungen zwischen den vier Mächten die Rede gewesen war, wirken vergilbt.

Jedes Wort ein Hieb

Koblenz, im Mai Feinjagen mit weißem Koppelzeug sicherten in Doppelposten den Eingang. Zutritt zur Turnhalle in der Koblenzer Pionier-Kaserne hatten nur die Militärs.

FDP - nicht ewig auf die SPD fixiert

Wenn Sozialdemokraten vom "Bremser" in der Koalition sprechen, denken sie meist an ihn, wenn Christliche Demokraten mit der Hoffnung spielen, wieder einmal mit der FDP ins Geschäft zu kommen, fällt ihnen zuerst sein Name ein; und wenn Freie Demokraten über die Koalitionsbindung ihrer Partei streiten, stehen seine Äußerungen zur Diskussion.

Sturm auf Brioni

Tito hatte die Augen mit einer Sonnenbrille bedeckt, als er in seiner Rede zum 1. Mai in Istrien einige Schleier der von Gerüchten umrankten jüngsten Plenarsitzung der jugoslawischen Kommunisten auf Brioni lüftete.

Bewegung in Nahost

Im Nahen Osten überstürzen sich wieder einmal die Ereignisse – diesmal allerdings politische Ereignisse. Die Nahostreise des amerikanischen Außenministers Rogers, die erste nach der Dulles-Rundfahrt vor 18 Jahren, ist das eine.

Ein großer Wurf?

Der Bambusvorhang hat sich ein wenig gehoben. Der amerikanischen Regierung kommt es jetzt vor allem darauf an, Näheres über die Motive der zweiten kommunistischen Großmacht für ihre freundlichen Gesten und über ihre Absichten für die Zukunft zu erfahren.

Europa im Schatten der Giganten

In der westlichen Welt scheint die Meinung an Boden zu gewinnen, daß wir in eine neue Phase der internationalen Beziehungen eintreten, die von einem allmählichen Wandel der Absichten und Kräfte der Sowjetunion bestimmt wird.

Wolfgang Ebert:: Sadographie-Reform

Als die gegenwärtige Regierung ihr Amt antrat, versprach sie bekanntlich „Innere Reformen“. Herzstück dieser Reformen sollte die Reform des „Sadographie-Gesetzes“ sein, das noch von 1870 stammt und bei vielen Experten als längst überholt gilt.

Türkei: Das Militär greift durch

Die türkische Regierung hat auf Druck des Militärs über elf der insgesamt 67 Provinzen den Ausnahmezustand verhängt. Sie ließ sich von der Großen Nationalversammlung – 450 Unterhausabgeordneten und 165 Senatoren – ermächtigen, vorläufig für einen Monat die Zivilgewalt an die regionalen Militärbefehlshaber zu übertragen.

Tauziehen um Berlin

Die Botschafter der drei Westmächte und der Sowjetunion bereiteten sich zu Beginn dieser Woche auf ihr 19. Berlin-Gespräch am Donnerstag vor.

Dokumente der ZEIT

Am heutigen Tage, da das Zentralkomitee der SED Deiner persönlichen Bitte einstimmig entsprochen hat, Dich von der Funktion des Ersten Sekretärs unseres Zentralkomitees zu entbinden, ist es allen Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees ein Bedürfnis, Dir für Dein jahrzehntelanges Wirken an der Spitze des Zentralkomitees der SED von ganzem Herzen zu danken.

Kairo: Sadat blieb Sieger

Der ägyptische Vizepräsident Ali Sabri ist am Sonntag überraschend seines Amtes enthoben worden. Obwohl bekannt war, daß es zwischen dem 52jährigen Sabri und Ägyptens Präsident Sadat seit dessen Amtsantritt vor sechs Monaten Spannungen gab, kam Sadats Entscheidung für die arabische Welt unerwartet.

Mehr als 45 000 Tote in Indochina

Die amerikanischen Vietnam-Kriegsgegner sind am Montag und Dienstag mit ihrem Versuch gescheitert, die Regierungsarbeit in Washington durch Unterbrechung des Berufsverkehrs lahmzulegen.

wendig Gehaltene voranzutreiben: Plädoyer für die Gesamthochschule

Es ist an der Zeit, schreibt Dietrich Bächler, nüchtern zu werden. Die Aufforderung ist nicht neu. Neu ist, daß sie. im Rahmen einer so vorbildlich nüchternen Analyse der Situation steht, wie sie nur ein unabhängiger Situation schreiben kann, der als Angehöriger der Ministerialbürokratie mitten in der .

Kunstkalender

Barock auch im Dürerjahr, Barock am Niederrhein, in Düsseldorf, das sich mit dieser Mammutschau, rund 400 Objekten aus Dutzenden europäischer Museen, als ein Zentrum europäischer Kunst um 1700 präsentiert.

Einmal Kunst und zurück

Mißmutig stützt die Dame ihr Haupt auf die geballte Hand und blickt verdrossen meditierend in die Ferne: Dürers „Melancholie“, die in die Mitte jenes blau-rot-gelben Sechsecks eingebaut wurde, das als Signet der II.

Der Ring des Krupp

Die Musik hämmert und kreischt sich bis über die Schwelle der noch erträglichen Phonzahlen hoch: zwischen den Szenen von Wagners Text zum „Ring des Nibelungen“ drängt sich der Geräusch-Terror einer Maschinenhalle, schreiendes Metall, Gegen-Musik zu Richard Wagner, in die Ohren des Publikums.

Intendant für Hamburg

Ivan Nagel, der neue Intendant des Hamburger Schauspielhauses, hat für all die genannten Komödienautoren sehr nachdrücklich geworben.

FILMTIPS

Im Fernsehen: „Die Reise nach Tokio“ (Japan 1953), von Yasujiro Ozu (Bayern III am 9. Mai). Man hat Ozu mit Recht den japanischsten aller japanischen Regisseure genannt, weil er, hollywoodfern, in seine Filme Strukturen der Kunst und des Theaters Japans eingebracht hat.

Gestutzt für Oberhausen

In guter Oberhausener Tradition ging es los mit einem kleinen Krach: Staatssekretär Dorn verweigerte dem Festival den Zuschuß des Innenministeriums, weil in Oberhausen „trotz eines gewissen internationalen Rahmens“ kein „erhebliches Interesse des Bundes“ vorliege.

Unsere Sprache: Transparente Strukturen

Zu den Urväterweisheiten, die heute leider ein wenig in Vergessenheit geraten scheinen, gehört die kluge Lehre, Fremdwörter seien Glückssache, denn man könne nie wissen, was sie bedeuteten.

ZEITMOSAIK

Jahrelang lebte der Dichter Peter Huchel in physischer und geistiger Quarantäne in seinem Haus in Wilhelmshorst bei Potsdam; 1951 noch Nationalpreisträger, seines Amtes als Chefredakteur von Sinn und Form 1962 enthoben, einer Zeitschrift, die unter seiner Leitung noch jenes Weltniveau besaß, das die DDR bei industriellen Gütern so eifrig anstrebt und in der Kultur sosehr fürchtet, ohne Veröffentlichungsmöglichkeit, Post und Telephon überwacht, ein eingeschüchterter „Staatsfeind“, ein sequestrierter Paria, an dem die Behörden der DDR ihre wirkungsvolle Methode vorexerzierten, mißliebige Personen von internationalem Ruf bei lebendigem Leibe tot sein zu lassen.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

So leicht und schwebend, so behende, so kräftig habe ich Griegs Suite noch niemals gehört: Sieh da, welch ein einfallsreiches, temperamentvolles Stück! Und daß Dvořáks sehnsüchtige Serenade op.

Robert Neumann:: Was sie redt, das sagt sie nicht

Der jüdische Witz ist für den heutigen deutschen Leser ein vermasseltes Thema. Ursache: vor zehn Jahren erschien bei Walter in Ölten eine umfangreiche Sammlung, in der Salda Landmann mit Schweizer Hausfrauensorgfalt alles zusammenkehrte, was sie in den alten klassischen Sammlungen („Rosinkes undMandlen“ und anderen) an jüdischen Witzen fand, samt einer großen Zahl ganz offensichtlich unjüdischer Witze, die sie „verjudete“, indem sie den handelnden Personen selbstgebackene jüdische Namen gab (so „echt jüdisch“ wie die seinerzeit von Julius Streicher für den antisemitischen Stürmer erfundenen).

ZU EMPFEHLEN

Salka Viertel: „Das unbelehrbare Herz“ – Ein Leben in der Welt des Theaters, der Literatur und des Films, aus dem Amerikanischen von Helmut Degner, Vorwort von Carl Zuckmayer; Claassen Verlag, Hamburg; 494 S.

Unser Seiler-Teller April 1971

DDR: Villain, „Die großen 72 Tage“; Mann, „Im Schlaraffenland“; Dobrow, „Prognostik in Wissenschaft und Technik“; Rüdiger, „Unser Gehirn“, Eitner, „Gesund alt werden“ (laut Literaturbeilage des Neuen Deutschland 4/71).

KRITIK IN KÜRZE

„Valentina“, von Guido Crepax. Valentina hat, wie der ziemlich witzige Vorwortschreiber Oreste Del Buono bemerkt, nichts mehr zu tun mit jenen Damen, die die letzten Jahrzehnte des Comic hervorgebracht haben und die mit den Kategorien Unschuldsengel, Haustyrannin, ewige Braut, verführte Abenteurerin, arglose Exhibitionistin bezeichnet wären.

Vergewaltigung Wehrloser

Elf meist pädagogisch tätige Autoren, Durchschnittsalter fünfunddreißig, schreiben über den neuen Forschungs-, Lehr- und Lernbereich „Visuelle Kommunikation“.

007 vom Zoll

Weil er nicht mit einer, nein, mit zwei verheirateten Frauen, die nicht einmal nackt, nein, leichtgeschürzt waren, sich im Lotterbett herumgelümmelt hatte, deshalb zunächst ist Kressin berühmt und berüchtigt geworden.

Fernsehen: Erben des roten Mai

Das war kein kulinarischer Film, das nahm sich aus wie eine photographierte Demonstration im Krankenhaus-Hörsaal. (Die dozierenden Ärzte: ein Team von freien Journalisten, das sich Scope-Film nennt.

Ratlosigkeit in Recklinghausen

Festliche Konfrontation des Arbeiters mit den Werten der ewigen Dichtung, Stunden der Besinnung im Einerlei des Alltags – so ähnlich sagten sie es immer wieder, die Festredner von Hans Böckler bis zu Theodor Heuss.

Tschou En-lai wurde nicht genannt

Mit einer solchen Frage hätte er vermutlich so manchen China-Profi ins Schleudern gebracht. Doch hatte das ZDF darauf verzichtet, einen zu laden, obwohl hierzulande viele Kenner verfügbar gewesen wären, sogar fernseherfahrene wie etwa Klaus Mehnert oder Tilemann Grimm.

Off-Broadway-Musical "Ich bin ich" in Bremen: Schön gesungenes Elend

In New York läuft dieses Musical unter dem Titel "The Me Nobody Knows" schon seit einem Jahr. In Bremen, im "Theater am Goetheplatz", wo es "Ich bin ich" heißt und für Europa erstaufgeführt worden ist, hatte das Stück so viel Beifall bekommen, daß um den Erfolg der Mitte Mai beginnenden Tournee niemand bangen muß.

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