„Valentina“, von Guido Crepax. Valentina hat, wie der ziemlich witzige Vorwortschreiber Oreste Del Buono bemerkt, nichts mehr zu tun mit jenen Damen, die die letzten Jahrzehnte des Comic hervorgebracht haben und die mit den Kategorien Unschuldsengel, Haustyrannin, ewige Braut, verführte Abenteurerin, arglose Exhibitionistin bezeichnet wären. Und auch mit den schon autonomeren Gestalten Barbarella, Jodelle, Seraphina und Phoebe-Zeit-Geist, läßt sie sich nur insofern vergleichen, als sie ähnlichen Alters und von ähnlich makelloser Schönheit ist. Denn Valentina vereinigt in sich von allen das Beste, ohne einseitig abhängig zu sein: Barbarellas „psychologische Bereitschaft zur Liebe“, Jodelles „Möglichkeit der graphischen Sublimierung“, Seraphinas „Minimum von Engagement für die neue Linke“ und von Phoebe-Zeit-Geist „die Kenntnis der Schrecken unserer Zeit“. Die Kombination dieser Fähigkeiten ermöglicht ihr ein hohes Maß an Selbständigkeit, Blasen über dem Kopf, die sich mit der Dummheit der Männer befassen und einer neueren Auslegung sexueller Sklaverei. Nicht die Frauen sind die ausnutzbaren Sexualobjekte, sondern die Männer: „Ob sie wollen oder nicht, sie sind immer bereit! Das ist sexuelle Sklaverei!“ So weit – so ganz erfreulich. Doch der Geschichte, an der sich dies alles entzündet (eine Reise zu den Unterirdischen), kann man ein 24-DM-Interesse nicht so leicht abgewinnen. Zwar entdeckt man ab und zu besonders schöne Zeichnungen und witzige Umsetzungen witziger Einfälle, und auch das im Anhang befindliche Wörterbuch der Unterirdischen könnte Anlaß zum Lachen geben, aber was sich letztlich einstellt, ist wohl doch mehr ein Interesse für Valentina als Weiterentwicklung anderer berühmter Comic-Mädchen und nicht für Valentina schlechthin. Valentina entstand als Figur 1965 in der Nummer 2 der Zeitschrift Linus und mauserte sich allmählich auf modischer Welle zu einer Streifen- und Buchheldin. (Lukianos Verlag, Bern; 130 S., 24,80 DM)

Christel Buschmann

„Das Intercom-Komplott“, Roman von Eric Ambler. Gleich der erste Absatz verspricht einige Bewegung: „Es geschah am 31. Mai letzten Jahres auf dem Genfer Flughafen Cointrin, daß jener Mann verschwand, der sich selbst Charles Latimer nannte. Alle Bemühungen, seine Spur zu finden, sind bis heute fehlgeschlagen.“ Charles Latimer, der Mann, der niemals auftaucht, ist wie sein Erfinder Eric Ambler als Autor von Kriminalromanen weltberühmt. Nie hat es Ambler seinen außerordentlichen Vorzügen – wie seinem Gefühl für Komik und seiner Ungerührtheit angesichts von Macht – erlaubt, die Handlung aufzuhalten. Ehe das „Intercom-Komplott“ in Gang kommt, wird ein pensionierter General der Freien Welt beschrieben: „Wenn es zu einer Grippe-Epidemie kommt – verdächtigen Sie dann die Russen der bakteriologischen Kriegführung? Nun, er tat es.“ Der General ist tot, wenn die Geschichte anfängt. Aber auch das Personal, das folgt, zeigt amüsante oder wenigstens bemerkenswerte Eigenheiten – zumal dann, wenn sich die Fachkräfte aus den Geheimdiensten an ihre Arbeit machen. (Aus dem Englischen von Dietrich Stössel; Diogenes Verlag, Zürich; 318 S., 19,80 DM) Christa Rotzoll

„Laß jucken Kumpel“, Roman von Hans Henning Claer. So hatten sich das die Erfinder des Slogans „Greif zur Feder, Kumpel“ bestimmt nicht gedacht. Was der ehemalige Berliner Polizist und jetzige Ruhrkumpel Claer zu Papier brachte, ist aber immerhin eine originale Mischung – ein Prolet-Porno, genauer: ein naiver, an Trivialroutiniers geschulter Industrie-Kritik-Konsum-Sitten-Roman. Industrie: weil er im Pütt spielt, wo die Handlung einmal nicht auf Einbettliege oder Couch und damit in einem anderen Pütt stattfindet. Kritik: weil diese Aufmüpfigkeit alles andere als politisch gemeint ist – diese Kumpel sinnen nicht auf gesellschaftliche, nur auf gesellige Veränderungen und auf Moos für die Maloche zwecks Anschaffung deutscher Wertarbeit. Sitten: denn was die Kumpel hier andauernd und mehr als alles juckt, sind all die „Reizvollen“, die „Sexbomben“, die „Superblonden“, die „Kindfrauen“, die „Heißblütigen“, von denen es zwischen den Schachtanlagen nur so wimmelt. Claer hat Reviertratsch, Kolle-Lektüre und vermutlich auch die eine oder andere primäre Erfahrung zu einer ziemlich eintönigen Nummernfolge arrangiert, deren vom Verlag beschworene Authentizität wohl weniger in der Übereinstimmung mit tatsächlichen Verhältnissen als in der Direktheit einer Bewußtseinsabbildung besteht. Seine Sprache ist es darum auch, die dieses Buch stellenweise interessant und manchmal wider Willen sogar echt komisch macht. Komm du geiler Hund, komm, guck dir das genau an, was hier auf der Couch am Liegen ist“, also spricht Frau Lorli Gärtner zum Obersteiger, während die Krampfader-Marie eine Treppe drüber neidisch zu klopfen beginnt; darauf passiert es: „Achtlos flogen die Brocken durch das Zimmer“ – es handelt sich um die Klamotten des bereits keuchenden „Obers“. Und ein Satz wie „Der Slip flog in die Constructa“ läßt sich in seiner prä-, gnanten Lebensechtheit synthetisch schwer erzeugen. (März Verlag, Frankfurt; 226 S., 15,– DM)

Dieter E. Zimmer

„Denkt bloß nicht, daß wir heulen“, Roman von Glendon Swarthout. Sechs Kinder erklären den Erwachsenen den Krieg, sechs Kinder der Gegenwart, Scheidungswaisen, hysterische Söhne hysterischer Millionäre, Wohlstandsratten, von den „normalen und gesunden“ Jungen des amerikanischen Feriencamps verächtlich „Bettnässer“ genannt – eines Camps, in dem Eltern ihre Kinder wie lästige Haustiere für die Dauer eines Europatrips oder einer Scheidungsreise abstellen. Oder in die sie sie scheuchen, damit innerhalb von ein paar Ferienwochen „echte Kerle“ aus ihnen gemacht werden. Die sechs aber werden keine Kerle, und als die anderen genug Sadismus und Hohn haben spielen lassen, klauen sie Pferde, Autos und Lastwagen, fahren mitten in der Nacht zu einem anderen Camp, wo Erwachsene die überzähligen Büffel aus den Nationalparks mehr schlachten als abschießen, und befreien die Tiere aus dem Pferch. Ersatzhandlung einer Befreiung, auf die die Jungen selber gar nicht erst hoffen. In die Beschreibung der nächtlichen Fahrt werden die sechs Lebensläufe eingeblendet, Bruchstücke von Gleichgültigkeit, Borniertheit und Grausamkeit der Erwachsenen, die die Jungen schon zu seelischen Krüppeln, Versagern und Kriminellen machten, ehe sie ihr Leben hatten beginnen können. Amerika ist uns in vielen Entwicklungen etwa um fünfzehn Jahre voraus. So kann dies eine präzise Zukunftsvision sein, doppelt eindrucksvoll durch den disziplinierten Stil und die emotionsfreie Sachlichkeit dieses Berichts, der keinen Zweifel daran läßt, wer die Mörder sind und wer die Opfer. (Aus dem Amerikanischen von Helmut Degner; Scherz Verlag, Bern/München; 189 S., 16,80 DM) Sybil Gräfin Schönfeldt

„Stehkneipen – Gespräche an der Theke“, von Gerhard Aberle. Von Wohlstandstrommlern übertönt, von Markt und Medien zu stummem Konsum verurteilt, von Theoretikern jedweder Provenienz wortreich verschwiegen: An der Theke hat einmal er das Sagen, der kleine Mann, die gebeutelte Existenz. Aberle hat ihre Gespräche auf Band genommen, in mehreren Großstädten, Gespräche über Ehemoral („Gerade die Männer, die fremd gehen, die sind am besten für ihre Familien“) und humaneren Strafvollzug („Im Gegenteil macht man aus dem Gefangenen einen Starverbrecher“), über Staat und Prostitution, über Wohlstand und Arbeit, Erzählungen aus dem Krieg, aus dem Alltag. All diese Unterhaltungen speisen sich aus einem gerüttelten Maß an Aggression, der Aggression derer, die, in der sozialen Wirklichkeit zu Komparsen gestempelt, hier am Tresen die Rolle ihres Lebens spielen dürfen. Ihre gezwungene Resignation kompensieren sie durch Prahlerei, ihre Ohnmacht durch Zynismus, ihre Erniedrigung durch Selbstmitleid. Sie kennen das Leben, sie wissen, wie’s ist, ihnen kann keiner was vormachen; aber sie begehren nicht auf, sie zucken die Achseln oder schimpfen und schmeißen die nächste Runde. Es genügt ihnen, daß sie im Staat den Prügelknaben gefunden haben, an dem sie sich austoben können. Ins Bierglas hinein versprechen sie: „Ich werde den Staat persönlich betrügen“, „Ich werde den Staat ’ne Pleite zufügen.“ Aberles Buch dokumentiert mit erschreckender Anschaulichkeit die großsprecherische Dumpfheit der Erniedrigten. (Fischer Bücherei 1194, Frankfurt; 122 S., 2,80 DM)

Christian Schultz-Gerstein