Der neue Mann ließ einen Zweifel gar nicht erst aufkommen: In der Wirtschaftspolitik der DDR wird es keine Experimente geben. Erich Honecker, seit Anfang Mai neuer Chef der SED, steckte bei seinem Antrittsreferat eine neue Linie ab, die ganz die alte ist: „Es ist selbstverständlich, daß die Partei jegliche irrigen Konzeptionen ablehnt, die an die Stelle der führenden Rolle der zentralen staatlichen Planung die Regelung durch den Markt setzen wollen.“

Von Experimenten mit dem Markt ist auch im Nachbarland der DDR, der Tschechoslowakei, nicht die Rede. Im dritten Jahr nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen ist die damit beendete Wirtschaftsreform vorerst kein aktuelles Thema mehr. In den vergangenen Jahren der „Normalisierung und Konsolidierung“ wurde die „führende Rolle der Partei auch auf dem Gebiet der Ökonomie wiederhergestellt“.

Die Tschechoslowakei konnte zwar seit der Wiedereinführung des Zentralismus die Wirtschaftskrise, die auf das abrupte Ende der Reformbestrebungen der Regierung Alexander Dub-čeks folgte, einigermaßen überwinden, dennoch: Lücken und Engpässe in der Versorgung der Bevölkerung blieben.

In den letzten fünf Jahren war die Wirtschaft der ČSSR ein Experimentierfeld extremer „Leitungs- und Planungsmodelle“. Mit zentraler Planung nach sowjetischem Muster huldigte die Regierung Novotny der „Tonnenideologie“: Produktion um der Produktion willen. Die Regierung Ducek wollte der „Verunstaltung“ (Ota Šik) des Sozialismus ein Ende setzen: Nach dem „Marktmodell“ des stellvertretenden Ministerpräsidenten und Wirtschaftsprofessors, Ota Sik, wurden in den Jahren 1965 bis 1968 den Betrieben mehr Entscheidungsbefugnisse eingeräumt, das Preissystem teilweise liberalisiert und die Produktion stärker nach dem Markt ausgerichtet.

Die wirtschaftlichen Folgen der Invasion im August 1968 waren schwerwiegend: sinkende Arbeitsmoral der Bevölkerung, akute Inflationsgefahr auf Grund der kräftig gestiegenen Löhne und niedrigere Wachstumsraten der Produktion.

Diese Hypothek versuchte die Regierung Husák mit dirigistischen Maßnahmen abzutragen. Die Lohnentwicklung wurde gedrosselt, ein Preisstopp verfügt – die Versorgung der Bevölkerung aber wurde wieder nebenrangig.

Doch der neue Zentralismus in Prag bedeutete keine Rückkehr zur „Tonnenideologie“ der fünfziger und frühen sechziger Jahre. Das neue „Syfeindlichen Direktiven auch Orientierungsdaten und indirekte Lenkungsmethoden vor. Bislang aber müssen Tschechen und Slowaken wie die Genossen des ersten deutschen Arbeiter-und Bauern-Staates mit Versorgungslücken und Mangeln in der Konsumgüterindustrie leben.