ZDF, Sonntag, 16. Mai: „Owen Wingrave“, Fernseh-Oper von Benjamin Britten

Was macht ein junger Mann, der, einer alten Familientradition folgend, Offizier werden soll, der aber aus der Lektüre seines Lieblingsdichters gelernt hat, daß der Krieg ein Verbrechen ist? Er riskiert einen Bruch mit der ganzen Familie, setzt die Freundschaft eines Mädchens und das Erbe seiner Tante aufs Spiel, nur die Bezeichnung „Feigling“ läßt er sich nicht bieten: Er wird im Geisterzimmer des Familienschlosses schlafen – und der schrille Schrei der jungen Dame mitten in der Nacht kündigt an, daß der Held tot ist.

Von Henry James geschrieben, mag man das lesen mögen. In ein Opernlibretto verwandelt (von Myfanwy Piper) wirkt es schon ziemlich simpel und naiv, als Fernsehoper mit Musik von Benjamin Britten und deutschen Untertiteln, die nur ungefähr jeden dritten Satz übersetzen, ist es nichts als ärgerlich.

Fernsehoper – das könnte bedeuten: ein mediengerecht geschriebenes Stück, ein Musiktheater, das aller technischen Geheimdienste bedarf, um überhaupt realisiert zu werden. Aber was Benjamin Britten im Auftrag der Europäischen Rundfunk-Union für eine Uraufführung auf dem Bildschirm ablieferte, hatte mit dem Medium absolut nichts zu tun: ein Bühnenstück für eine mittelgroße Vokal- und Instrumentalbesetzung. Zu sehen sind Monologe und Zwiegespräche, Aktion gibt es so gut wie keine in diesem Stück, jeder versichert den anderen seiner Empfindungen, Skrupel, Zweifel, seines Traditionsbewußtseins oder seiner Unnachgiebigkeit. Und die Kamera zeigt sie, den greisen General und die matriarchalische Erziehersfrau, den eher lyrisch-verträumten Kriegsgegner und das hysterisch-entschlossene junge Mädchen, meist in der Halbtotalen oder Kopf groß: abphotographiertes Atelier-Theater.

Man muß vermutlich den Namen eines Benjamin Britten haben, um mit derart undifferenziertem Klangbrei über so viel abgestandene Sentimantalismen bei einem derartig weitreichenden Institut zum Zuge zu kommen: Fernsehanstalten aus halb Europa haben zwei Stunden Abendprogramm damit gefüllt. Und ohne die geringste musikalische Einführung ging das Stück über die Sender des ZDF – einen schlechteren Dienst konnte man der zeitgenössischen Musik nicht leisten.

Ein Antikriegs-Stück? Eine Schmonzette, die sich die Gunst der Programm-Verantwortlichen durch ein nicht gehaltenes Versprechen erschlich. Wenigstens die Kriegsdienstgegner sollten sich von ihr distanzieren. Heinz Josef Herbort