Von Paul Moor

Eine Strafvollzugsanstalt für nur dreiunddreißig Insassen: die neue sozialtherapeutische Anstalt im renovierten ehemaligen Amtsgerichts-Gefängnis in Düren. Sie bedeutete nichts weniger als einen wichtigen Wendepunkt in der Vollstreckung der bundesdeutschen Justiz. In Düren will man nicht strafen, sondern rehabilitieren und heilen. Im bisherigen Justizkonzept taucht ja allzu häufig das Schlüsselwort Strafe auf: Strafgesetz, Strafvollzug, Strafanstalt. Im Grunde genommen ruht die bundesdeutsche Justiz noch heute auf Rache und Vergeltung, und nur die weniger schätzenswerten, negativen, entwicklungshemmenden menschlichen Gefühlsbewegungen, Haß eingeschlossen, motivieren solches Verhalten.

In Düren wird nicht Haß, sondern werden die positiven, entwicklungsfordernden menschlichen Emotionen, Nächstenliebe eingeschlossen, das Verhalten des Personals bestimmen. Und das ist eigentlich eine kleine Revolution. Andere Länder haben schon Erfahrung mit solchen Anstalten: Clinton, Petaxent und Vacaville in den USA, Utrecht in Holland, Herstedvester und Horsens in Dänemark, Grandon in England. Düren soll als Modell für andere geplante sozialtherapeutische Anstalten dienen.

Der Pionier in Düren ist Wilfried Rasch, 45 Jahre alt, bisher Professor und wissenschaftlicher Abteilungsvorsteher der-Gerichtsmedizin an der Universität Köln, von nun an Ordinarius für forensische Psychiatrie an der Freien Universität Berlin und „Berater des nordrhein-westfälischen Justizministeriums für sozialtherapeutische Anstalten“.

Ein merkwürdig ungesetzlicher Zustand steht vor der Tür. Die Bonner Gesetzgeber haben 1969 im Rahmen des zweiten Strafrechtsänderungsgesetzes beschlossen, die Richter können ab 1. Oktober 1973 rückfallgefährdete Trieb- und Hangtäter in sozialtherapeutische Anstalten einweisen – aber wohin? Die Bundesländer, die die Kosten aufbringen müssen, werden nicht einmal eine annähernd genügende Anzahl solcher Anstalten haben.

Wilfried Rasch rechnet, daß ein Mensch unter zehntausend sich zu einem Trieb- und Hangtäter entwickelt. Nach dieser Berechnung müßte allein Nordrhein-Westfalen acht solcher Anstalten mit je zweihundert Plätzen haben, die gesamte Bundesrepublik dreißig; und es wird nicht nur viel zu wenige Anstalten geben: jede Anstalt braucht eine Aufbauzeit von etwa fünf Jahren.

Die Modellanstalt Düren soll entscheiden, welchem Weg spätere größere Anstalten in Bochum und Köln folgen sollten. Es gibt schon therapeutische Versuche in kleinerem Format in Hamburg-Bergedorf und auf dem württembergischen Hohenasperg, aber in Düren handelt es sich zum erstenmal um eine nur für diesen Zweck organisierte Anstalt.