Im Nahen Osten verlagert sich das Gleichgewicht der Kräfte / Von Chaim Herzog

Die verschiedenen Abmachungen zwischen den großen Blöcken, die am Ende des Zweiten Weltkrieges getroffen wurden, und die militärische Stellung der großen Mächte zum damaligen Zeitpunkt sollten die Fronten zwischen den Großmächten und ihren Einflußsphären deutlich abstecken. Doch entständen dabei zwischen den Einflußsphären der großen Blöcke eine ganze Anzahl von „Zonen des Zwielichts“.

Jede Analyse der Lage seit dem Zweiten Weltkrieg führt notgedrungen zu dem Schluß, daß der für den Weltfrieden allergefährlichste Zustand in der Ungewißheit über den Verlauf der Fronten zwischen den beiden Blöcken besteht. Paradoxerweise enthält eine deutlich gezogene Trennungslinie zwischen den beiden gegnerischen Blöcken – etwa zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt oder quer durch Berlin – weit weniger Zündstoff für künftige Kriege als andere, in höherem Maße amorphe Situationen, wie sie aus dem einen oder anderen Grunde in verschiedenen Teilen der Welt entstanden sind. Gerade die Entwicklung im Nahen Osten belegt diese These.

Schon vor mehr als zehn Jahren ist die grundlegende Gefahr der Ungewißheit, die ohne weiteres zu einem größeren internationalen Konflikt führen kann, von Henry Kissinger erörtert worden – heute die rechte Hand des mächtigsten Mannes auf der Welt, des Präsidenten der Vereinigten Staaten.

In seiner Analyse umriß Kissinger damals den seiner Auffassung nach zulässigen Bereich von Ungewißheit: „Die untere Grenze muß die Möglichkeit eines Nachgebens oder eines zu schwachen, zur Aggression verlockenden Widerstands ausschließen. An der oberen Grenze dagegen darf es zu keiner Drohung kommen, die entweder der Glaubhaftigkeit entbehrt oder aber, falls man sie ernst nimmt, zu einem Präventivkrieg führen könnte. An der unteren Grenze der Ungewißheit sollte der Mindestpreis in akzeptabler Höhe festgesetzt und bei offenbleibendem Höchstpreis der Eindruck vermieden werden, daß durch einen automatischen Ablauf alles außer Kontrolle gerät, sobald überhaupt Gewalt angewandt würde.“

Der Einzug der Russen in den Nahen Osten hat ernstlich erst im Jahre 1955 mit dem sogenannten tschechoslowakischen Waffengeschäft begonnen. Auf diesen militärischen Schritt folgte ein Anlauf zur wirtschaftlichen Durchdringung, als Moskau sich die schlechtberatene Politik des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles zunutze machte, die zum Rückzug der Amerikaner aus dem Assuandamm-Projekt geführt hatte. Damit wären den Russen Tür und Tor geöffnet. Selbstverständlich diente ihr Vordringen teilweise der Verwirklichung eines uralten Traums, eisfreie Häfen an ihrer Südflanke zu erwerben. Aber in Wirklichkeit war die Entwicklung doch von viel größerer Bedeutung als die Erreichung des alten historischen Ziels. Es kündigte sich damit der Beginn des sowjetischen Vorstoßes in das Mittelmeer und den Indischen Ozean an.

Die Sowjets haben ihren großen strategischen Plan ausgeführt, indem sie sich eine ganze Kette von Faktoren zunutze machten, die teils das Ergebnis sowjetischer Initiative, teils das Resultat von Unterlassungssünden der Westmächte waren. Kein Zweifel, daß die Gewinne der Russen dabei sehr eindrucksvoll ausfielen, besonders wenn man ihr verstohlenes Entree durch die tschechoslowakische Hintertür neben die Nixon-Äußerung von 1971 stellt: „Die UdSSR hat (im Nahen Osten) bedeutende Interessen und Einflußsphären erworben, und eine dauerhafte Lösung läßt sich hier nicht verwirklichen, wenn die Sowjetunion sie nicht als in ihrem Sinne betrachtet.“ Wahrlich ein eindrucksvoller Fortschritt innerhalb von fünfzehn Jahren!