Als Georges Pompidou am 8. Januar 1966 den Franzosen sein drittes Kabinett vorstellte, wies es eine entscheidende Neuerung auf: das Ministerium für Wirtschaft und Finanzen. Dieses „Superministerium“, für General de Gaulles treuen Paladin Michel Debré geschaffen, sollte die Unterordnung der staatlichen Einnahmen- und Ausgabenwirtschaft unter die wirtschaftlichen Ziele demonstrieren.

Das französische Superministerium entstand in einer Situation, die der heutigen konjunkturellen Lage in der Bundesrepublik völlig entgegengesetzt war. Frankreich litt unter zuviel Stabilität. Der vom damaligen (und heutigen) Wirtschafts- und Finanzminister Valery Giscard d’Estaing im September 1963 verkündete Stabilitätskurs blockierte nicht nur die Preise, sondern auch das wirtschaftliche Wachstum. Zwar betrugen die Preissteigerungen 1965 nur 2,6 Prozent, doch die Stagnation sorgte auch für soziale Spannungen großen Ausmaßes. Sein damaliger Nachfolger Debré galt als expansionsbewußt. Die Vereinigung von Wirtschafts- und Finanzressort in seiner Hand gestattete ihm zugleich Lenkung und Finanzierung konjunkturpolitischer Maßnahmen.

Die Existenz des Superministeriums blieb trotz aller Regierungswechsel bis heute unangefochten. Einzelne wirtschaftliche Kompetenzen wurden an andere Minister oder Staatssekretäre übertragen. So weist die Liste der 20 Minister des gegenwärtigen Kabinetts Chaban-Delmas einen Minister für Plan und Raumordnung aus, einen Minister für industrielle und wissenschaftliche Entwicklung und einen für Ausrüstung und Wohnungsbau.

Das Giscard-Ministerium verfügt über zwei Staatssekretäre: einen für das Budget, einen für den Handel. Damit ist das eigentliche Superministerium auf zwei Bereiche konzentriert: die Wirtschaftslenkung und ihre Finanzierung. Im Mittelpunkt steht die Haushaltsabteilung, die zusammen mit dem Tresor (Schatzamt) dem Minister die wichtigsten konjunkturpolitischen. Instrumente gibt, der damit den gesamten Geldkreislauf lenken kann.

Einige Abteilungen eines traditionellen Wirtschaftsressorts sind den kleineren Nachbarministerien überlassen. Kompetenzstreitigkeiten in grundsätzlichen Fragen der Wirtschaftspolitik entstehen aber nicht, da der Wirtschafts- und Finanzminister seine Kollegen über das Budget und über die Ziele, die er der Wirtschaftspolitik setzt, jederzeit in Schach halten kann.