Joe Frazier startet seine Musikschau

Von Rolf Kunkel

Ob er nicht ein banges Gefühl verspüre bei dem Gedanken, mit Smoking und Mikrophon auf die Bühne der europäischen Konzerthäuser zu treten? Joe Billy Frazier lacht: „Nein, davor habe ich keine Angst, was mir Unbehagen bereiten würde, sind halbleere Ränge.“ Diese Antwort bezieht sich nicht auf den finanziellen Teil seiner Tournee, der – ob volle Säle oder nicht – ohnehin gesichert ist. Runde 50 000 Mark pro Auftritt stehen im Vertrag, und der ist rechtsgültig. Das Geld allein macht ihn jedoch nicht happy; der Gedanke, seine swinging safari durch jene Teile Europas, in denen die Veranstalter besonders viele Boxsport-Enthusiasten vermuten, könnte sich als Reinfall erweisen, läßt ihn nicht gerade als ein Bündel Selbstvertrauen erscheinen. Dazu ist die Meldung amerikanischer Nachrichtenagenturen noch zu frisch, wonach der Joe-Frazier-Show in Lake Tahoe im Staate Nevada ganze 39 Leute beiwohnten.

Über singende Sportler zu schreiben, ist an sich schon eine heikle Sache, aber eine Tournee zu skizzieren, die noch gar nicht stattgefunden hat, gleicht einem Kommentar über einen Mondflug, von dem man nicht weiß, ob er mit einer glücklichen Landung oder mit einer Katastrophe endet. Wahrscheinlich wird keines von beidem eintreten. Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, der Verfasser bemühe sich um einen vorzeitigen Verriß der Gesangsdarbietungen des amtierenden Schwergewichts-Weltmeisters, es gibt auch keinen Anlaß, die Veranstalter zu kritisieren. Im Gegenteil: Wer will, kann sie ob ihres Mutes bewundern, zu beneiden sind sie jedenfalls nicht. Immerhin bewerkstelligen sie es, daß der Champ auch einmal persönlich in Augenschein genommen werden kann.

Kein Zweifel: Joe Frazier arbeitet hart an seiner zweiten Laufbahn. Als ihn ein Teil der Boulevardpresse Ende März bereits für halbtot erklärte, ließ er sich am Bett des St. Luke Hospitals in Philadelphia von Mitgliedern seiner Band neue Arrangements per Tonband vorspielen. Der hohe Blutdruck, was immer die Ursache dafür gewesen sein mag, hinderte ihn nicht, Gags auszuarbeiten und alte Songs umzuschreiben, vor allem den Titel „My way“, den er eigens dem Kampf gegen Clay gewidmet hatte und in dem es an einer Stelle heißt „And now the time is near the time is here“. Die europäischen Zuhörer werden eine aktualisierte Fassung dieses Slowrocks hören.

Kürzlich spielten Joe Frazier und seine Knockouts im Seit Forum, dem riesigen Kino-Anbau des Madison Square Garden – vor 3000 Zuschauern Die Stimmung entsprach dem Temperament und der Mentalität des Gastgebers, er ist nun einmal nicht der geborene Showman, und es bedarf schon der ganzen Armada jener Public-Relations-Agenturen, die Richard Nixon ins Weiße Haus brachten, um sein Familienvater-Image in das eines Showbusiness-Exponenten à la Dean Martin zu verwandeln.

Gitarre statt Boxhandschuhe