Von Reinhard Kühnl

Analysen über die Weimarer Republik und die Ursachen ihres Scheiterns sind keineswegs nur von historischem Interesse. Wenn auch die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten nicht übersehen werden dürfen, so sind doch die gesellschaftlichen Grundlagen der Bundesrepublik mit denen der Weimarer Demokratie durchaus vergleichbar. Es ist nicht verwunderlich, daß auch bestimmte ideologische Tendenzen der Weimarer Zeit in leicht veränderter, „modernisierter“ Form in der Bundesrepublik wieder zu Geltung kommen.

Mit einer antisemitischen Variante des Rechtsextremismus befaßt sich die Dissertation von

Uwe Lohalm: „Völkischer Radikalismus. Die Geschichte des Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes 1919–1923“; in: „Hamburger Beiträge zur Zeitgeschichte“, Bd. VI; Leibniz-Verlag, Hamburg 1970; 492 S., 48,– DM.

Lohalm verfolgt die Entwicklung des völkischen Antisemitismus von seinem Aufschwung im Alldeutschen Verband 1912 bis zur faschistischen Massenbewegung am Ende der Weimarer Republik. Detailliert befaßt er sich mit den Krisenjahren 1919 bis 1923, in denen sich die rechtsextremen Kräfte zu einem ersten großen Angriff auf die Demokratie von Weimar formierten. Die Arbeit, die auf intensiven Archivstudien beruht, zeigt den Zusammenhang zwischen der Ausbreitung rassistischer und nationalistischer Ideologien und der sozialen Deklassierung der Mittelschichten.

Der Antisemitismus wurde in den Jahren vor 1914 forciert, um die bürgerlichen Mittelschichten und die Bauern gegen liberaldemokratische und sozialistische Tendenzen zu mobiliseren. Die antisemitischn Gruppen verlangten, die Vorrechte der „Gebildeten und Besitzenden“ zu sichern; in einem zukünftigen Krieg sahen sie ein nützliches Mittel, die autoritäre Herrschaft nach innen zu festigen. Schon hier sind alle ideologischen Komponenten, die dann vom Faschismus zu höchster Wirksamkeit entwickelt wurden: die Verbindung von Antisemitismus und Antisozialismus, Antiliberalismus und Antikapitalismus, die der Furcht der Kleineigentümer vor dem großen Kapital ebenso entgegenkam wie ihrem „Standesbewußtsein“ gegenüber den Lohnarbeitern.

Rassismus und Nationalismus boten gerade dem vom sozialen Abstieg bedrohten „Mittelstand“ die Chance, sich zu den Auserwählten zu zählen, auf „minderwertige“ Völker und Rassen herabzublicken und so ihr Selbstbewußtsein zu stabilisieren. In der großen Wirtschaftskrise nach 1929 schwollen diese Strömungen mächtig an und vereinigten sich schließlich allesamt in der nationalsozialistischen Bewegung, die am radikalsten auftrat und die Ideologie des Herrenmenschen nicht nur propagierte, sondern auch praktizierte: gegen Juden und Sozialisten – und schließlich auch gegen Polen und Russen.