ARD, Mittwoch, 12. Mai: „Die Sehnsucht nach dem Wilden Westen“, von Klaus Bölling

Ach wie war’s im Westen doch vordem mit Colt und Büchse so bequem – und so romantisch. Wirklich?

Angesichts der amerikanischen „Sehnsucht nach dem Wilden Westen“ könnte man es fast glauben. Klaus Bölling, ARD-Korrespondent in den Vereinigten Staaten, untersuchte die Western-Wehmut. Ihre Ursachen fand er in dem Verlangen nach dem einfachen und kraftvollen Leben, ihre Symptome an Halftern, in Schubladen und Schränken: Handfeuerwaffen! Über neunzig Millionen davon werden in den amerikanischen Privathaushalten gehegt und gepflegt; hundertmal genug, um den Wilden Westen aufs neue zu erobern. An Hand eindrucksvoller Szenen schilderte Bölling die Auswüchse des Kults mit dem Colt. Tausende von Menschen fallen ihm jährlich in den Vereinigten Staaten zum Opfer; die prominentesten unter ihnen waren die Kennedys und Martin Luther King. Dennoch haben sich die Befürworter einer strikteren Gesetzgebung nicht durchsetzen können, die Waffen-Lobby und die Überlieferung, in der Waffe ein Stück. Freiheit zu sehen, erwiesen sich als starker.

Bölling diagnostizierte die historisch bedingte Neurose mit Nachsicht. Ihr geographischer Nährboden, der weite und immer noch nicht ganz gezähmte Westen (herrliche Bilder von Peter Pitrowski und Volker Mach) macht manches verständlich. Außerdem werden gefährliche Mythen nicht nur jenseits des Atlantiks konserviert. Wie sagte der Historiker Arthur Schlesinger: „Deutsche und Amerikaner haben eine Tradition der Gewalttätigkeit.“ Dieter Buhl