Von Heinz Michaels

Otto A. Friedrich, der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), wunderte sich über seine Unternehmerkollegen: „Ich kann nicht verstehen, wie man in dieser Situation, einen derartigen Tarifvertrag abschließen kann.“

Während alle Welt noch rätselte, ob die Bundesregierung den Wechselkurs der Mark freigeben werde, während Banken und Unternehmen nur die für den täglichen Betrieb dringlichsten Entscheidungen trafen und sonst abwarteten, unterschrieb die Textilindustrie für den Bezirk Hessen einen neuen Tarifvertrag, der Lohnerhöhungen von rund 9,5 Prozent vorsieht.

Eine Woche später, am letzten Wochenende, war die Tarifrunde für die 500 000 Arbeiter der gesamten Textilindustrie mit Ausnahme des Bezirks Nordrhein – wo sich 90 Prozent der organisierten Arbeitnehmer für einen Streik ausgesprochen hatten – gelaufen. Die Textilwerker, die am unteren Ende der Lohnskala stehen, werden einschließlich der Nebenleistungen künftig gut zehn Prozent mehr Lohn bekommen. –

Damit hatten die Textilarbeiter – und deren Arbeitgeber – Schillers Stabilitätsprogramm unterlaufen, noch bevor es überhaupt, veröffentlicht war. Denn Lohnerhöhungen von zehn Prozent liegen um gut zwei Prozentpunkte über den Orientierungsdaten des Bundeswirtschaftsministers, die für dieses Jahr ein Ansteigen der Effektivlöhne zwischen sieben und acht Prozent vorsehen. Nach der Wechselkursfreigabe fordert die Industrie sogar, die Orientierungsdaten „nach unten zu korrigieren“.

Überzeugt davon, daß nur ein Abbremsen der Lohnwelle die Wirtschaft vor einer Rezession bewahren kann, telegraphierte BDA-Präsident Friedrich sofort nach: Bekanntwerden der währungspolitischen Maßnahmen an Heinz Oscar Vetter, den Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Er regte an, so bald wie möglich über einen „stabilitätsorientierten Lohnkurs zwischen maßgeblichen, für die Tarifpolitik verantwortlichen Vertretern beider Organisation nen“ zu diskutieren.

Der Arbeitgeberpräsident setzte damit jene Politik fort, die er einige Wochen zuvor eingeleitet hatte, ohne damit bisher allerdings viel Erfolg zu haben. Auf einer Geschäftsführerkonferenz der BDA in Mainz Ende April hatte er die Versammlung mit drei Vorschlägen überrascht: