Von Wolf gang Müller-Haeseler

BASF-Aufsichtsratsvorsitzender Professor Carl Wurster blickte im November vergangenen Jahres hellsichtig in die Zukunft: „In meinem fast 50jährigen Berufsleben überwog die Zahl der schwierigeren Jahre weit, die der weniger schwierigen. So war es immer, besonders und auch in der Wirtschaft, und so wird es wohl auch immer bleiben.“

Er behielt mit seiner Prognose recht. Die Nachrichten aus der deutschen Chemie lesen sich wie das Buch Hiob – eine Schreckensmeldung jagt die andere. Die Hoechster Farbenpost resümierte: „So sieht die gegenwärtige Chemiewirklichkeit aus: unerfreulich, unübersichtlich, unausgeglichen.“ Der Gewinn der Farbwerke Hoechst ging im vergangenen Jahre (vor Steuern) um 37,6 Prozent zurück, Bayer meldete einen Gewinnrückgang um 36,3 Prozent und die Ludwigshafener BASF um. 29,3 Prozent. Die BASF verkaufte sogar eine Hälfte der Chemiefaser-Tochter Phrix an die Gelserberg AG, nachdem sie zuvor schon einen großen Teil des Unternehmens stillgelegt hatte. Die holländische AKZO war „bescheidener“, ihr Gewinn war nach Steuern „nur“ um 22 Prozent niedriger als im Vorjahr.

Wettbewerb drückt Preise

Aber, ihre deutsche Tochter Enka Glanzstoff strich die Dividende rigoros zusammen: von 20 auf 13 Prozent.

Aber während die großen europäischen Konzerne unter Aufbietung aller Kräfte für 1970 noch einmal die gleiche Dividende wie im Vorjahr an ihre Aktionäre verteilten, meldete der Welt größtes Chemieunternehmen, die amerikanische DuPont de Nemours für das erste Quartal 1971 einen von 1,93 auf 1,50 Dollar je Aktie verminderten Gewinn.

In der Bundesrepublik mußte allerdings der Fiskus den größten Teil der Gewinnrückgänge verkraften. Insgesamt rissen die Chemiekonzerne durch die schlechte Geschäftsentwicklung des vergangenen Jahres ein Loch von 628 Millionen Mark in de Tasche von Vater Staat.