Von Petra Kipphoff

In der vergangenen Woche, am 15. Mai, wurde Max Frisch, 60, ein Anlaß für ausführliche Kommentare. In dieser Woche, am 21. Mai, wäre Wolfgang Borchert 50 geworden – ein Anlaß für Kommentare?

Wolfgang Borchert lebte 26 Jahre, am 20. 11. 1947 starb er, der dort zu dieser Zeit nicht eben hochwillkommene Deutsche, in einem Krankenhaus in Basel; einen Tag später fand in Hamburg die Uraufführung seines Dramas „Draußen vor der Tür“ statt, das den Namen Borchert über Nacht bekannt und zugleich zum Mythos machen sollte.

Wolf gang Borchert: der das, was man sein Werk nennt, in den zwei erbärmlichen Krankheitsjahren, die ihm nach der Rückkehr aus Haft und Krieg noch blieben, unter ständig zunehmenden Schmerzen schrieb oder im Bett diktierte; der übriggeblieben war, als 57 in Woronesh begraben wurden und dann doch noch der 58. wurde; der schrieb, „mein Reich ist von dieser Welt“, der das Leben so ausführlich liebte und dem es so schnell abhanden kam – er wurde zum Dichter der „Generation ohne Vergangenheit, ohne Anerkennung, ohne Spur, ohne Bindung, ohne Abschied“, zur Symbolfigur, zur Legende.

Der Erschaffung des Mythos mußte, notwendigerweise, die Abschaffung des Mythos folgen, als die Zeit, zu deren Dichter man Borchert gestempelt hatte, von einer neuen Zeit und neuen Mythen abgelöst wurde. Borchert, vier Jahre jünger als Heinrich Böll und sechs Jahre älter als Martin Walser, auf einer Tagung der Gruppe 47?

Es war das Verdienst von Peter Rühmkorf, daß er (in der 1961 bei Rowohlt erschienenen Monographie) Wolfgang Borchert mit all seinen Ecken und Kanten, mit seiner Seichtigkeit, seiner Flattrigkeit, seinem Komödiantentum dennoch festhaltenswert, festgehalten hat: All das, was nötig ist, um den Stellenwert von „Draußen vor der Tür“ auszumachen, um die Makellosigkeit einer Geschichte wie „Die Hundeblume“ zu sehen.

Wolfgang Borchert war nicht nur der Beckmann mit der Gasmaskenbrille, der Heimkehrer ohne Heimkehr, draußen vor der Tür, ohne Anschluß an das Leben, ohne Antwort von einem alten Gott, dem keine neuen Antworten mehr einzufallen scheinen. Er hatte, auch wenn das gern überlesen wird, einen mindestens ebenso intensiven Hang zum Lachen, er konnte, von Gefühlen überschwappend, die Elbe und Hamburg besingen, er konnte, frech wie Dreck, Verse im Bänkelsängerton schreiben, so, daß man sie mit den Versen jenes anderen Hamburger Bänkelsängers verwechseln, daß man den Borchert vom Biermann nicht unterscheiden kann: