Das Schulaufgaben- und Extemporalien-Verfahren ist eine hervorstechende Krankheitserscheinung unserer Schule – insbesondere der höheren Schule. Wer genau beobachtet, wie und was in den Schulen geprüft wird, muß schließen: hier handelt es sich nicht nur darum, festzustellen, was der Schüler leistet. Die Prüfungsverfahren werden oft zu Prüfungsschikanen, zu einem Mittel, die Schüler unter Druck zu setzen. Angstmachen galt immer schon als primitivstes Mittel der Erziehung; für manche Lehrer ist es jedoch immer noch das einzige.

Mit den vielfältigen Machtmitteln des Prüfens sollen die Schüler zum Lernen gezwungen werden: und zwar von jenen Lehrern, die es nicht verstehen und nicht der Mühe wert finden, so zu unterrichten, daß der Schüler bereitwillig lernt. Das übliche Prüfungswesen ist ein deutlicher Ausdruck dafür, wie unpädagogisch, von lernpsychologischen Einsichten unberührt, wie undemokratisch und zuweilen unmenschlich von manchen Lehrern unterrichtet wird. Und wären es nur ganz wenige Lehrer, die die Prüfung dazu mißbrauchten, Kinder zu unterdrücken: von diesen wenigen müßte gesprochen werden, weil Tausende von Kindern von ihnen betroffen sind.

Oft ist ein plötzlich – gleichsam aus dem Hinterhalt – gegebenes Extemporale nichts anderes als die Vergeltung für eine aus Langeweile unaufmerksame Klasse. Und mit einer schweren Schulaufgabe drohen manche Lehrer dann, wenn es ihnen nicht gelingt, die Schüler für eine Sache zu interessieren. Schließlich kann auch der Benotungsmaßstab verändert werden, je nach dem Grad, in welchem die Klasse nach Meinung des Lehrers einen „Dämpfer“ braucht.

Leistungsprüfungen können zum primitiven Mittel werden, die Schüler in Schach zu halten. Dieses Mittel wenden allerdings nur Lehrer an, die zu keiner Partnerschaft mit den Heranwachsenden und der damit verbundenen Auseinandersetzung bereit sind. Im schlimmsten Fall handelt es sich um Lehrer, die nur noch mit dem Notenbuch in der Hand dastehen, die also den Unterricht nicht zur Lernsituation, sondern zur fortwährenden Prüfungssituation machen. Sie sprechen ständig von Klassenarbeiten und drohen damit, streng zu zensieren – und tun das auch; bei ihnen liegt dann der Notenschwerpunkt zwischen 4 und 5. Sie sagen, den Schülern müßte ein „heilsamer Schrecken“ eingejagt werden. Aber sie sehen nicht, wie wenig ihr Schrecken heilt, obgleich sie es an Hand der großen Anzahl von Schülern, die auf der gymnasialen Strecke liegen bleiben, eindrucksvoll sehen könnten.

Manche Lehrer stellen gar keine Fragen, sondern Fallen, in die der Schüler hineintappt – oder die er geschickt umgeht. Man gewinnt bei Extemporalien mit nur wenigen, engbegrenzten und zufällig herausgegriffenen Einzelfragen den Eindruck, daß der Lehrer gar nicht erfahren will, was die Schüler wissen, und daß sie etwas wissen, sondern was sie nicht können und wissen. Deutlicher gesagt: man gewinnt den Eindruck, daß die Schüler hereingelegt werden.

Bei jenen Lehrern, bei denen die Prüfungsarbeiten als Mittel dienen, die Schüler unter Druck zu setzen und klein zu halten, fällt auch die Rückgabe der Arbeiten entsprechend aus: die Klasse wird herabgesetzt wegen ihrer schlechten Arbeit; gelegentlich folgt ein sadistisch anmutendes Zeremoniell, indem die Arbeiten in der Reihenfolge ihrer Qualität zurückgezogen werden, was manchmal fast den Charakter eines Schauprozesses annehmen kann. Nicht selten werden Schüler mit ihren mißglückten Arbeiten bloßgestellt, indem zum Beispiel „Sechserarbeiten“ öffentlich vorgelesen werden. Dabei brauchte man kein Universitätsstudium, um zu sehen, daß diese Maßnahme quälerisch ist und keinerlei positive pädagogische Wirkung haben kann; hier bedürfte es lediglich eines Menschen mit etwas Taktgefühl.

Das Prüfungsgebaren unserer Schulen – vor allem der Gymnasien – ist geradezu bildungsfeindlich. Viele Schüler lernen in der Mathematik nicht die Welt durch Zahlen begreifen, sondern Schulaufgaben bewältigen. Sie lernen in Musik nicht den musischen Bereich des Lebens erahnen, sondern üben – kaum zehnjährig – Violinenschlüssel und Noten, um das nächste Musikextemporale zu überstehen. Es bleibt keine Zeit, in Biologie über die Wunder der Natur zu staunen, denn für die nächste Schulaufgabe müssen Skelettknochen auswendig gelernt werden. Es ist dem Schüler nicht gegönnt, über das eigene, spontane Interesse an der fremden Sprache in sie hineinzuwachsen: er wird von Extemporale zu Extemporale gehetzt, ohne zu erleben, daß Sprache ein Verständigungsmittel ist.