Aus dem „Apostolischen Schreiben“ Papst Pauls VI. anläßlich des 80. Jahrestags der Enzykliken „Rerum Novarum“:

„Sicher ist die Lage, mit der die Christen sich freiwillig oder gezwungen auseinanderzusetzen haben, sehr verschieden, je nach den Ländern und den sozialpolitischen Systemen ... Gegenüber solcher Verschiedenheit der Situation ist es für uns schwer, ein für alle gültiges Wort zu sagen und eine für alle gültige Lösung vorzulegen. Dies ist auch gar nicht unser Bestreben noch unsere Aufgabe.

Den christlichen Gemeinschaften kommt es zu, die für ihr Land eigene Situation objektiv zu analysieren, sie im Lichte der unvergänglichen Werte des Evangeliums aufzuhellen, grundsätzliche Überlegungen für ihre Beurteilung und für die Tätigkeit vorzulegen, entsprechend der Soziallehre der Kirche... Diesen christlichen Gemeinschaften obliegt es, mit den verantwortlichen Bischöfen und im Gespräch mit den anderen christlichen Mitbrüdern wie allen Menschen guten Willens die angezeigten freien Möglichkeiten und den Einsatz zu beurteilen, um die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Umbildungen durchzuführen, die in vielen Fällen dringend notwendig sind...

Es sind bereits Fortschritte erzielt worden, um mehr Gerechtigkeit und Beteiligung an der Verantwortung in die menschlichen Beziehungen einzuführen. Aber es bleibt in diesem unermeßlichen Bereich noch vieles zu tun....

Der Anspruch auf Gleichheit und Mitbestimmung, beides Ausdrucksformen menschlicher Würde und Freiheit, wird immer verrehmlicher erhoben. Auch die Gleichheit vor dem Gesetz kann zum Alibi für eine offene Diskriminierung, für ständige Ausbeutung und deutlich zur Schau getragene Mißachtung werden. Ohne neue Formen der Erziehung zur Solidarität kann eine überstarke Betonung der Gleichheit dem Individualismus Vorschub leisten...

Es ist weder Sache des Staates noch der politischen Parteien, die sich in sich selbst abkapseln würden, eine Ideologie durch solche Mittel aufzuzwingen zu suchen, die zu einer Diktatur des Geistes führen würde, dem schlimmsten aller Übe. Der Christ kann niemals, ohne sich dabei selbst zu widersprechen, Anhinger ideologischer Systeme werden, die seinem Glauben und seinem christlichen Menschenbild radikal oder in wesentlichen Punkten entgegenstehen. Er kann sich weder der marxistischen Ideologie verschreiben, ihrem atheistischen Materialismus, ihrer Dialektik der Art und Weise, mit der sie die persönliche Freiheit im Kollektiv aufsaugt und dabei zugleich dem Menschen, seiner Geschichtlichkeit als Person und Gemeinschaft jede Transzendenz abspricht. Er kann sich auch keiner liberalen Ideologie zuwenden, die die Freiheit des einzelnen überheben zu müssen glaubt,sie dadurch jeder Form von Einschränkung entziehen möchte, sie allein nur durch die Suche nach Vorteil und Macht anstachelt...“