München

Was heute noch Krach, Skandal und Eklat genannt wird, nämlich die höchst fragwürdige Entlassung des Chefdramaturgen der Münchner Kammerspiele, Heiner Kipphardt, könnte in naher Zukunft leicht zu einer Lähmung dieses Theaters führen.

Kurz die Fakten: Zwei leere Seiten im Programmheft zu Wolf Biermanns „Dra-Dra“ hatten den Wirbel ausgelöst. Ursprünglich sollte auf diesen Seiten eine Art Abschußliste mit Köpfen von Prominenten des Establishments erscheinen, deren Funktion als Drachen Werkzeug kritisiert wurde. Intendant Everding jedoch meldete juristische Bedenken an, und die entsprechenden Seiten blieben weiß.

Auf undurchsichtige Weise geriet der ursprüngliche Entwurf an Leute außerhalb des Theaters, unter anderen an Günter Grass, der sich nicht zu schade war, in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung eine etwas kleinkarierte Kipphardt-Jagd zu eröffnen.

Der Kulturausschuß der Stadt München, die Dienstbehörde Kipphardts, erneuerte nun Kipphardts Vertrag nicht. Man behauptete jetzt, Kipphardt selber habe am 29. Januar gekündigt. In Wirklichkeit hatte er aber nur um die Streichung eines Zusatzes zu einem Paragraphen gebeten, wonach der Chefdramaturg keine Sondervergütungen für Bearbeitungen erhält, es sei denn, diese sind in einem Verlag erschienen. Als sich diese Streichung als nicht realisierbar erwies, vernichtete Kipphardt nach vierzehn Tagen und wollte alles beim alten belassen. Das war am 11. Februar.

Erst in den letzten Wochen aber wurde aus einer anfänglich juristischen Frage eine weithin diskutierte Affäre. Zunächst tat die Stadt alles nur mögliche, um die Vorgänge um den Chefdramaturgen undurchschaubar zu machen. Man verschanzte sich dabei hinter Formalien. Inzwischen aber weiß und sagt es jeder: Kipphardts Kündigung war politisch. Der Kulturausschuß der Stadt fühlte sich diffamiert von einer „indirekten Veröffentlichung“. Der empfindliche Oberbürgermeister Vogel hatte gesagt, Kipphardt müsse sich nun einen anderen Partner suchen als ihn, die Drachenbrut, worauf Kulturreferent Hohenemser dem Dramaturgen empfahl, zu Vogel zu gehen, um ihm die Parabel der beiden Programmheftseiten zu erklären. Kipphardt reagierte heftig und meinte, in diesem Hintern säßen doch wohl schon genügend Leute, ob er da nun etwa auch noch hineinkriechen solle? – und ging nicht zu Vogel.

Der Kleinkrieg am Theater geht so weit, daß Kipphardt-Gegner Kipphardt-Anhängern die Autoreifen durchschneiden. Intendant Everding betont zwar, daß es seine Aufgabe sei, Ruhe in die Kammerspiele zu bringen, ob ihm das freilich gelingt, ist fraglich. Wenn Kipphardt geht und mit ihm die, die es angedroht haben, und wenn die Regisseure, die sich für Kipphardt ausgesprochen haben, tatsächlich nicht mehr an den Kammerspielen inszenieren, dann wird man statt eines Spielplanes in der nächsten Saison nicht viel mehr als weiße Blätter vorweisen können. Eine fatale Rolle in dieser Affäre scheint Verwaltungsdirektor Lehrl zu spielen. Als SPD-Funktionär und starker Mann ist er sozusagen ein verlängerter Arm der Stadt. Was er bewilligt oder nicht bewilligt, habe in unzumutbarer Weise Einfluß auf die künstlerische Arbeit am Theater, sagt Kipphardt und nennt Beispiele. Auch der Intendant fühlt sich eher in seiner Arbeit durch Lehrl gehemmt als unterstützt. Das neueste Gerücht: Man wolle Everding das Arbeiten an den Kammerspielen unmöglich machen, um den konservativen neuen Intendanten Müller bereits für die Spielzeit 1972/73 holen zu können und nicht erst – wie vorgesehen – für 1973/74. (Siehe auch Glosse im Feuilleton Seite 13.)

Cornelia Jacobsen