Von Friedrich Andrae

Das Urteil, lautete auf neun Monate Landesgefängnis im einen, auf ein Jahr im anderen Fall, der Dritte wurde freigesprochen. Hochverräterische Umtriebe, insbesondere die Aufforderung, an einer Volksversammlung teilzunehmen, boten die Rechtsgründe zur Verurteilung. Erschwerend kam hinzu, daß die Angeklagten akademische Lehrer waren und also von ihnen zu erwarten gewesen sei, daß sie „das Treiben der aufgeregten Menge in seinen Ursachen und Wirkungen“ hätten überblicken müssen und nicht noch fördern dürfen.

Das Urteil erging Oktober 1850, es bezog sich auf Ereignisse in Leipzig im Mai 1849. Die verurteilten Professoren waren Theodor Mommsen und Moritz Haupt, der Freispruch galt Otto Jahn. Die Strafe hatten die Freunde allerdings nicht abzusitzen, denn in zweiter Instanz wurde das Urteil kassiert, doch waren die Folgen schlimm genug: Da „das Verhalten dieser drei Professoren in den ersten Tagen des Monats Mai 1849 von der Art gewesen“ sei, „daß sie dadurch öffentliches Ärgernis gegeben und ein sehr schlechtes Beispiel für die akademische Jugend aufgestellt haben“, verfügten „die in Evangelicis beauftragten Staatsminister“ die Entlassung aller drei aus ihren Lehrämtern.

Damit endete für Theodor Mommsen, der erst zu Michaelis 1848 den Ruf auf eine außerordentliche Professur für Römisches Recht mit der Verpflichtung, auch Kriminalrecht oder Prozeß zu lesen, an der Leipziger Universität erhalten hatte, unfreiwillig eine Zeit, die noch der Achtzigjährige als „die schönsten Jahre meines Lebens, das Aufblühen aller Kräfte des Geistes und des Herzens“ bezeichnete.

Der 1817 im schleswig-holsteinischen Garding geborene Pastorensohn hatte sich in der gelehrten Welt einen Namen gemacht, lange bevor die „Römische Geschichte“ ihm Rühm brachte: Nicht so sehr als der Jurist, der er seit dem Kieler Studium und der Promotion zum Doctor juris intriusque mit der höchstmöglichen Note war, sondern als der Kenner der römischen Epigraphik und Altertümer, zu dem er in den Wanderjahren in Italien geworden war. Leipzig bildete den Anfang seiner akademischen Karriere, Zürich, das ihn 1852 berief, war ein Zwischenspiel. Breslau schließlich, wo er 1854 einen Lehrstuhl erhielt, sollte das Sprungbrett für Berlin werden, das Ziel seit der Leipziger Vertreibung.

Den Lebens- und Bildungsweg Mommsens bis zur Berufung nach Berlin 1858 beschreiben die ersten drei der auf vier Bände angelegten Biographie, der ersten, die im umfassenden Sinn wissenschaftlich ist, seit 1933 der handschriftliche Nachlaß öffentlich zugänglich wurde:

Lothar Wickert: „Theodor Mommsen. Eine Biographie“; Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt, 1959–1969. Bd. 1: „Lehrjahre 1817 bis 1844“; 580 S., Ln. 48,50, kt. 42,50 DM. 2.: „Wanderjahre, Frankreich und Italien“ ;446 S., Ln. 56,50, kt. 48,50 DM; 3.: „Wanderjahre, Leipzig, Zürich, Breslau, Berlin“; 693 S., Ln. 98,–, kt. 88,50 DM.