Nun sagen Sie bitte, Herr Bundespräsident, was hatten Sie von diesem Abend erwartet? Und er sagte es: „Ich bin schockiert durch die völ-li-ge Konfusion.“

Der Bundespräsident hatte zu einem „Abendessen mit Künstlern“ gebeten, so wie er ja auch mit Juristen und Journalisten, mit Ärzten und Agrariern, Bürgermeistern und Werkmeistern Abendbrot ißt, um sich zu informieren. Es handelt sich also um eine Variante der sogar vom Finanzamt respektierten Sitte der Geschäftsfreundebewirtung.

Der Repräsentant also erkundigt sich bei den Repräsentierten, was sie bewegt und was sie drückt und wo und warum und ob er Änderung anregen oder gar in Gang setzen kann. Vor allem will er wissen, was „im Vaterlande“ los ist.

Das Außergewöhnliche ist, daß derlei Veranstaltungen nichts Außergewöhnliches an sich haben. Die Atmosphäre solch eines Besuchs beim Chef ist informell: Kein Fürst, zu dem du ungern gerufen wirst, sondern ein Bürgerprimus inter pares. Daß die Konfusion am Ende größer war, besagt nichts gegen den Brauch, denn auch sie ist, als Ergebnis, eine Information.

Wie hätte es auch anders kommen sollen: bei einer Versammlung von Musikern und bildenden Künstlern aus drei, in Wirklichkeit aber mindestens doppelt soviel Generationen, Provinzlern und Kosmopoliten. Die Ausgangsbasis der Diskussion also war überaus uneben, das erst allmählich gefundene Thema (Künstlerwünsche an Politiker) so vage, daß kaum anderes entstehen konnte als eine etwas verwirrende Darbietung.

Der Bundespräsident hörte: Es gibt Ärger mit der Stadt über ein kinetisches Projekt für Kiel; man möchte (absolute) Freiheit genießen, aber auch (absolute) Anerkennung durch die Gesellschaft; ein Komponist ist glücklich, wenn er von 800 Leuten zwei zu Beifalls- oder Unmutskundgebungen reize – schon ein Erfolg; ein anderer Komponist möchte, daß die Gesellschaft die Künstler ebenso dringend brauche wie die Klempner; ein Altmeister der abstrakten Kunst darauf: Er habe noch nie ein Bild gemalt und zugleich an Geld gedacht; die heutige Jugend, teilt ein Chorleiter mit, liebe Monteverdi und alles, was älter sei, aber in Richtung Gegenwart höchstens noch Bach; ein Staatssekretär berichtet Erfahrungen mit seinen Kindern: Noch nie habe Jugend zeitgenössische Kunst so interessiert und kritisch beurteilt wie heute; ein anderer Altmeister kritisierte Ankaufspraktiken; viele beklagten die Spießer in Kommunen, Ländern, beim Bund, viele verlangten Toleranz, die, da sie so vollständig gewünscht wurde, nun gefährlich in die Nähe von Gleichgültigkeit gerückt worden war.

„Ich war gerade in New York...“ – „Als Leiter der Jugendmusikkurse...“ – Subventionen nur noch für Konzerte mit zeitgenössischer Musik – Protest: Was haben Sie gegen die Klassik?