Der Geist von Den Haag, der im Dezember 1969 dem stagnierenden Bemühen um die Einigung Westeuropas neues Leben einhauchen sollte, hat nach anderthalb Jahren späte Erleuchtung gebracht. In Brüssel hat Frankreich, bisher der Bremser auf dem Zug in die europäische Zukunft, den Briten gelbes Licht für ihren EWG-Beitritt gegeben. Zur gleichen Zeit war auf dem Pariser Treffen der sechs Außenminister zum erstenmal so etwas wie eine Stimme Europas zu vernehmen – zaghaft, doch immerhin.

Noch ist über Großbritanniens Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft das letzte Wort nicht gesprochen. Aber seit voriger Woche ist diesseits und jenseits des Kanals die Zuversicht gewachsen, daß nach fünfzehn Jahren sturen Tauziehens und acht Jahren schnöder französischer Taktik der Beitritt Englands bald Wirklichkeit werden kann. Seit dem Brüsseler Durchbruch keimt sogar die Hoffnung, daß die Verhandlungen vor den Sommerferien abgeschlossen und die Engländer schon am 1. Januar 1973 Mitglieder der EWG sein werden.

Der Durchbruch, beschreibt man ihn in dürren Worten, mag in den Augen des kontinentalen Normalverbrauchers, den neuseeländische Butter und karibischer Zucker herzlich wenig interessieren, nicht sehr erhebend wirken. London akzeptierte das von der EWG vorgeschlagene Finanzbeteiligungssystem; die Übergangszeit für die Landwirtschaft wurde auf fünf Jahre festgesetzt; die Interessen der Zuckerproduzenten im Commonwealth werden gewahrt; alle armen Staaten des Commonwealth, nicht nur die afrikanischen, werden assoziiert; die Sechs erhalten sofort bevorzugten Zugang zum britischen Lebensmittelmarkt; Großbritannien tritt Euratom bei; für zwölf Rohstoffe wurden Sonderregelungen getroffen.

Gewichtiges, Schwieriges ist noch offengeblieben: die Höhe des britischen Finanzierungsbeitrages, die Behandlung der neuseeländischen Milchprodukte, die Rolle des Pfundes. Dennoch ist der Triumph der Technokraten nicht geringzuschätzen. Das wichtigste jedoch ist der neue politische Wille, der sichtbar geworden ist. Zum erstenmal seit Jahren ist es wieder zu spüren: Europa als Wille und Vorstellung.

Der Verdacht ist nicht abzuschütteln, daß der neue Schwung zumal in Paris auch von einem Motiv beflügelt wird, das wir nicht unbedingt als Kompliment empfinden dürfen: von dem Gefühl nämlich, daß es angesichts der wachsenden Stärke und Eigenständigkeit Westdeutschlands an der Zeit sei, Großbritannien in das Europa der Sechs einzubeziehen und so eine neue Kräftekonstellation zu schaffen, die leichter mit der Bundesrepublik fertig wird als ein EWG-Europa minus England. Das Motiv mögen wir bedauern; die Folgerung daraus müssen wir bejahen. Das Mißverständnis unserer Absichten kann uns nur recht sein, wenn es uns zu dem verhilft, was wir doch stets angestrebt haben: eine Erweiterung des Europas der Sechs.

Wir brauchen die Briten, damit nicht jeder sachliche Streit in eine französisch-deutsche Konfrontation ausartet. Londons Eintritt erst wird die Möglichkeit wechselnder Koalitionen schaffen, deren Mechanik allein Dauerhaftigkeit ohne ständige Reizung verspricht. Umgekehrt liegt der Beitritt auch im Interesse und in der Tradition der Engländer selber. Ihre alte Politik der Balance of power läßt sich heute nur noch innerhalb Europas betreiben, nicht mehr von außerhalb.

Viel hat die britische Öffentlichkeit in den letzten Monaten vom EWG-Beitritt nicht gehalten, die Zahl der Beitrittsbefürworter sank auf 20 Prozent. Die Regierung Heath hat es – wie ihre Vorgängerinnen – aus innenpolitischen Gründen zugelassen, daß in Großbritannien über die kurzfristigen Nachteile eines Beitritts viel, über die langfristigen Vorteile wenig oder gar nicht gesprochen wurde. Die Ergebnisse von Brüssel haben Edward Heath jetzt eine gute Basis für einen engagierten Beitrittsfeldzug gegeben. Sein Treffen mit Frankreichs Staatspräsident Pompidou wird diese Basis hoffentlich verstärken. Beide Staatsmänner wissen: Wenn sie sich jetzt abermals in den Scheinfehden der grauen Vorzeit, der Macmillans und de Gaulles, verheddern, dann verpassen sie eine europäische Chance, die so leicht nicht wiederkehren wird.

Europa ist dabei, sich festere Konturen zu bilden – das hat auch die Pariser Konferenz der EWG-Außenminister gezeigt. Sie sprachen über zwei so heikle Themen wie die Haltung der Gemeinschaft zur Nahostfrage und zur Konferenz über die Sicherheit Europas. Die Debatte erbrachte nichts Spektakuläres. Aber sie zeigte, daß die Europäer beginnen, sich über die Rolle Europas in der Welt von morgen Gedanken zu machen. Europa gewinnt klarere Umrisse. Um so dringender, daß die Briten bald an seiner Gestaltung teilnehmen. Th. S.