Die Angeklagten waren mit ihrem Opfer, einem jungen Mädchen, in bestialischer Weise umgegangen, so daß es schließlich starb. „Ja“, so sprach der Richter in München die Schuldigen an, „Sie hätten sich doch sagen müssen, daß sie dabei draufgeht.“

Die Bestialität der Rohlinge, der Tod des Mädchens, der Prozeß und das Urteil: das ist die eine Sache; die andere Sache ist, wie der Richter sich ausdrückt. Eine untergeordnete Sache? Ganz gewiß! Eine nebensächliche Sache? Vielleicht nicht so ganz und gar nebensächlich.

Ehemals haben sich Tucholsky und Sling (der berühmte Gerichtsreporter der alten „Vossischen Zeitung“) gelegentlich gegen Richter gewendet, die Schwierigkeiten hatten, den „rechten Ton zu finden“. So hatte beispielsweise einer gerade ein Todesurteil verkündet. Der Verurteilte fing an, laut zu schreien. „Benehmen Sie sich anständig vor Gericht!“ donnerte der Richter. Worauf seine Kritiker fanden: Wenn einer sich nicht anständig vor Gericht zu benehmen brauche, dann sei dies jemand, der gerade zum Tode verurteilt worden sei.

Auch der Münchner Richter mag grundsätzlich der Auffassung sein, daß alle am Prozeß Beteiligten sich anständig zu benehmen hatten, einschließlich der Herr Vorsitzende selbst. Daß dabei die Vorsitzende keit“ vor Gericht auch eine-Frage des Geschmacks sein kann, wird niemand leugnen. Mir selbst kann’s freilich gleichgültig sein, wenn es dereinst, nachmeinem Tode, heißt: „Nun ist er endlich draufgegangen.“ Die Umherstehenden jedoch (man sieht, daß ich taktvoll das. Wort „Trauergemeinde“ müde) wurden es vermutlich nicht sehr schätzen, käme die Rede so aus dem Munde des Herrn Pfarrer.

Für den Fall nun, daß es dem Richter in München zu pastoral vorgekommen wäre, von einem „dahingegangenen“ oder schlicht „hingegangenen“ Mädchen zu sprechen, hätte er noch immer die Möglichkeit gehabt, seine Anrede folgendermaßen zu formulieren: „Sie hätten sich doch sagen müssen, daßsie dabei hingehen könnte.“ In jedem Falle ist ein mundartliches „Hiigehn“, wenn nicht vertretbar, so doch vielleicht verziehlich, da noch von ferne die Wendung von der „liebenHingegangenen“ anklingt.

Müssen wir annehmen, daß der Richter etwa selbst nicht bemerkt hat, welchen Fauxpas er da beging, so ist daraus zu folgern, wie sehr heutzutage sprachliche Verrohung überhandgenommen hat, so daß sie schließlich auch im Gerichtssaal eingezogen ist. In diesem Falle muß sich nicht nur der Richter, sondern wir alle müssen uns etwas schämen...

Womöglich begründet der Richter sein Deutsch aber damit, daß er auf andere Weise von solchen Angeklagten nicht verstanden würde. Dies aber hieße, daß der Jäger mit den Wölfen heulen müsse, ehe er sie erlegt. Das konnte unmöglich des Richters Ernst sein. Lügt er mit den Lügnern? Bestiehlt er den Dieb? Das alles auf die Gefahr, daß zwar nicht er selbst, wohl aber sein Ruf draufgeht?