Von Wolfgang Leppmann

Im O’Keefe Centre von Toronto, dem modernsten Theater Kanadas, wurde letztes Jahr Goethes „Faust“ gegeben in einer von Barker Fairley, dem Doyen der kanadischen Germanistik, angefertigten Übersetzung. Vom dramaturgischen Standpunkt aus war das mehrere Wochen dauernde und unter dem Patronat des Gouverneurs der Provinz Ontario, des Generalkonsuls der Bundesrepublik in Toronto, des Bürgermeisters der Stadt, des Rektors der dortigen Universität und allerlei minderer Prominenz veranstaltete Gastspiel zumindest ein succès d’estime; für den 83jährigen, durch Bücher über Raabe, Heine und vor allem Goethe auch in Deutschland bekanntgewordenen Übersetzer war es eine Anerkennung, wie sie nicht jedem Germanisten widerfährt.

Die der Inszenierung, einer losen Folge von 26 Auftritten aus dem ersten und zweiten Teil, zugrunde liegende Übersetzung gibt es jetzt auch als Buch. Im gleichen Jahr 1970 veröffentlichte Mondadori in Mailand eine italienische „Faust“-Übersetzung von Franco Fortini. Die beiden Übersetzungen sind so gelungen und doch so verschieden voneinander, daß sie geradezu die Grenzen bezeichnen, innerhalb derer Klassiker-Übertragungen überhaupt möglich sind.

Es verhält sich mit solchen Übersetzungen ähnlich wie mit den Religionen. Schon ihre Vielfalt ist dem Skeptiker ein Trost und dem Gläubigen ein Dorn im Auge. Es gibt da Einfältige, die es beim reinen Herzen und guten Willen bewenden lassen, und Feinschmecker, die sich die gelungene Wiedergabe eines Hexameters auf der Zunge zergehen lassen. Es gibt Mystiker, denen es auf das „Nachempfinden“, und Rationalisten, denen es auf die „Durchdringung des Gedankenguts“ ankommt – was man sich unter solchen literaturgeschichtlichen Schlagwörtern auch immer vorstellen mag. Es gibt sogar Ketzer, die behaupten, ein Werk wie „Faust“ ließe sich gar nicht übersetzen; sie zitieren gern das Wort von den traduttori, traditori und berufen sich im übrigen auf manche tatsächlich erschreckende Fehlleistung wie die des Franzosen, der „heiße Doktor gar“ mit je m’appelle le docteur Gar übersetzte.

Sie alle kommen beim „Faust“ auf ihre Rechnung; kein Wunder, daß sich die Übersetzer immer wieder mit ihm beschäftigt haben. Es gibt rund sechzig Übertragungen ins Englische (über zwanzig ins Italienische), die sich meist auf den ersten Teil beschränken; womit freilich nicht gesagt werden soll, daß sich Goethe im angelsächsischen oder im italienischen Sprachbereich auch nur annähernd so durchgesetzt habe wie Shakespeare oder selbst Dante im deutschen.

Fairleys Übersetzung ist nicht nur die neueste, sondern der Form wie der Sprache nach auch die radikalste englische Version des „Faust“. Er hat auf allen gelehrten Apparat, ja selbst auf Einleitung und Worterklärungen verzichtet, so daß auf das Titelblatt – Goethes Faust, Translated by Barker Fairley, University of Toronto Press – sogleich die „Zueignung“ folgt (die freilich nicht viel bedeutet, wenn man nicht weiß, wer die „schwankenden Gestalten“ waren). So geht es in einem Zug weiter bis zum Ewig-Weiblichen, das uns hinanzieht, und zwar ohne eine einzige Anmerkung, als handelte es sich um den neuesten Knüller auf der Bestseller-Liste.