Düsseldorf

Wenn Heinrich Heine in der Ferne an Düsseldorf dachte, wurde ihm wunderlich zumute, und es war ihm, „als müßte ich gleich nach Hause gehen. Und wenn ich sage ‚nach Hause gehen‘, so meine ich die Bolkerstraße und das Haus, worin ich geboren bin“. Wenn die heutigen Repräsentanten Düsseldorfs an die Bolkerstraße und das Haus denken, so wird ihnen recht schummerig zumute – sie sehen nämlich „astronomische“ Zahlen vor sich.

Die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt rüstet für den 175. Geburtstag des größten Sohnes Düsseldorfs, wie der Dichter von Lokalpatrioten gerne bezeichnet wird. Zwar liegt das Jubiläumsdatum erst am Ende des nächsten Jahres, aber das kommende Ereignis wirft jetzt schon Schatten voraus: Vor die Frage gestellt, wo der Poet am 13. Dezember 1972 eigentlich gefeiert werden soll, muß die Stadt Düsseldorf passen. Denn es gibt in der rheinischen Kapitale keine Stätte, die dem Gedenken Heines gewidmet ist.

Düsseldorf und Heine ist ein Stück Unbewältigtes. Auch wenn die Stadt und ihre Offiziellen mit dem Dichter renommieren, so haben die sonst so temperamentvollen Rheinländer zu dem aufgeklärten Literaten immer ein recht unterkühltes Verhältnis gepflegt. Das mag einmal daran liegen, daß Heine Jude war und vor noch nicht allzu langer Zeit zu den Verfemten der braunen Machthaber gehörte. Aber auch der bissige Spott Heines ist nicht nach dem Geschmack rheinisch-bürgerlicher Schunkelgemütlichkeit. Dem pfiffigen Charakter des Rheinländers entspricht eher das Etikett vom „Schreibtisch des Ruhrgebiets“, der Geld und gesellschaftlichen Glamour nach Düsseldorf gebracht hat.

In der Vergangenheit sind deshalb auch immer wieder Versuche gescheitert, Heine gebührend in seiner Geburtsstadt zu ehren. Erst in jüngster Zeit gab es einen heftigen Streit, ob Düsseldorfs Universität den Namen des Dichters erhalten sollte. Doch die Mediziner, Urstamm der jungen Alma mater, legten sich quer. Die hohe Schule blieb namenlos. Die letzte Gedenkstätte schließlich in der Landes- und Stadtbibliothek wurde kürzlich wegen „Platzmangels“ geschlossen. In Zeitungsanzeigen suchte die Heinrich-Heine-Gesellschaft „für den berühmtesten Düsseldorfer, Heinrich Heine, schlichtes, billiges Leerzimmer, möglichst zentrale Lage, unbeschränkte Besuchserlaubnis“.

Wohl um der Stadt im Jubiläumsjahr eine neue Peinlichkeit zu ersparen, kamen die kommunalen Kulturpolitiker frühzeitig auf die Idee, das Haus Bolkerstraße 53 zu einer Gedenkstätte auszubauen. Dort sollten die Heine-Sammlung mit den 1908 Seiten Manuskripten des Dichters, die 350 Bücher der Privatbibliothek Heines sowie die 5000 Bände Heine-Literatur und einige andere Erinnerungsstücke eine ständige Bleibe finden. Die Wahl fiel nicht zufällig auf das dreistöckige Gebäude. Denn hier soll Heine 1797 geboren worden sein, wenngleich sich Experten streiten, ob es nicht das Nachbarhaus gewesen ist.

Mit ihren Plänen schlidderte die Stadt abermals in einen Streit. Das Haus Bolkerstraße 53 ist seit vier Generationen im Besitz der Familie Weidenhaupt, die dort eine bekannte Bäckerei und Konditorei betreibt. Vor zwei Jahren erhielt Bäckerswitwe Maria Weidenhaupt den Besuch von Stadtdirektor Heinz Ingenstau, der mit ihr über den Verkauf des Anwesens verhandelte. Der Stadtdirektor fand für seine Wünsche keine tauben Ohren. Denn im Bewußtsein der Tradition dieses Hauses hatte die Handwerkerfamilie schon immer das Andenken Heines bewahrt. So hatte Bäckermeister Willi Weidenhaupt selbst dann noch seine private Heine-Gedenkecke beibehalten, als er schon Nazi-Anpöbeleien ausgesetzt war. Später sorgte er als Präsident des Vereins „Düsseldorfer Jonges“ für die Anbringung einer Gedenkplakette.