Rom, im Mai

Nicht vom hohen Lehrstuhl päpstlicher Unfehlbarkeit, sondern mit ausdrücklichem Verzicht, „ein einheitliches Urteil, eine überall passende Lösung vorzulegen“, hat Paul VI. der Welt „Überlegungen“ zu gesellschaftspolitischen und politischen Fragen unterbreitet. Anders als frühere Enzykliken enthält dieses – in die Form eines Briefes an den Präsidenten des Laienrates der katholischen Kirche gekleidete – Schreiben keine allgemein verbindlichen Anweisungen für praktisches Verhalten, nichts, woraus sich leicht politische Alltagsmünze schlagen ließe. Und doch enthält das Dokument etwas Folgenschweres: Die politische Mündigkeit des Katholiken wird in den Grenzen, die sein Gewissen und sein Glaube ihm setzen, voll legitimiert. Sie wird begründe: mit einer abwägenden Weltbetrachtung, der man den Mut der Verzweiflung Pauls VI. anmerkt (Auszüge aus dem Brief siehe Seite 12, „Dokumente der ZEIT“.)

Die „freie Wahl der legitim verschiedener Wege muß anerkannt werden“, heißt einer der Kernsätze der päpstlichen Epistel. Realistisch ist auch die strenge Unterscheidung des Papstes zwischen politischer Theorie und Praxis; sie ermöglicht es ihm, den Gegensatz zwischen der christlichen Weltsicht und der des Marxismus-Leninismus wie auch des Liberalismus aufrechtzuerhalten, gegen ideologische Monopolansprüche von Staaten und Parteien aufzutreten, zugleich aber offen zu bleiben für die konkreten „geschichtlichen Bewegungen“, die aus den politischen Doktrinen hervorgingen.

Mit dem liberalen Denken macht es sich der Papst etwas einfach. Von den verschiedenen Demokratiemodellen, „von denen einige schon in Gebrauch sind“, kann den Papst keines ganz befriedigen. Er wünscht eine neue Form von Demokratie, will jedoch selbst kein „vorgefertigtes Modell dafür vorlegen“. Er möchte nur Kriterien, human- und religiösgeprägte Maßstäbe für eine gerechtere Gesellschaftsordnung liefern. Da sich die katholische Soziallehre jedoch „in ständigem Kontakt mit den sich ändernden Verhältnissen“ entwickelt, wird auch die Orientierungshilfe der Kirche flexibel, so dehnbar, daß sie es letztlich dem Gläubigen selbst überläßt – „auf den Wegen, die er wählt“ –, seinen Beitrag zur Gesellschaftsreform zu leisten. Da zu diesen Wegen heute jedoch der Sozialismus in allen seinen Spielarten gehört, kann der Papst nicht umhin, die Vorstellungen seiner Vorgänger in diesem Punkt einer gründlichen Revision zu unterziehen.

Vor vierzig Jahren noch hatte Pius XI. apodiktisch verkündet: „Niemand kann guter Katholik und zugleich wahrer Sozialist sein.“ Jesuitenprofessor Gundlach, einer der engsten Berater Pius XII., hatte noch 1959 das Godesberger Programm der Sozialdemokraten mit dem Hinweis kommentiert, „kirchenpolitische Klugheit gebiete daran festzuhalten, daß jeglicher Sozialismus unvereinbar mit der Lehre der Kirche sei“. Heute nun empfiehlt Paul VI.: „Zwischen den verschiedenen Arten von Sozialismus... sind Unterscheidungen zu machen, die dann eine sichere Auswahl bestimmen werden.“ Seit Männer wie Stalin, Tito und Dubček, Kurt Schumacher, Pietro Nenni und Wilson alle von Sozialismus gesprochen und doch so Grundverschiedenes gemeint und praktiziert haben, läßt sich auch für die katholische Kirche das bequeme Pauschalurteil nicht mehr aufrechterhalten.

Zwar warnt der Papst vor einer Idealisierung des Sozialismus und vor utopischen Erwartungen; jede Art von Sozialismus bleibt für ihn zumindest unter „Ideologieverdacht“, weil die Kirche als Hüterin eines theologischen Anspruchs alle diesseitigen Heilslehren, die ein Religionsersatz werden könnten, fürchtet. Aber der Papst will den Gläubigen, auch jenen, die in den verschiedenen Arten von Sozialismus Christliches „wiederzuerkennen suchen“ eine Autonomie zubilligen: Eine klare Sicht der Dinge werde es ihnen ermöglichen, „den Grad von möglicher Mitarbeit“ genau zu erkennen.

Der Entschluß des Papstes, die Beurteilung so wichtiger politischer Fragen letztlich den Gläubigen, den Bischöfen des einzelnen Landes und dem „Gespräch mit anderen christlichen Brüdern wie allen Menschen guten Willens“ zu überlassen, kommt einem Kompetenzverzicht Roms gleich. Er kann zur Folge haben, daß sich sowohl die Konservativen wie die Progressiven in der Kirche ermutigt fühlen. Hansjakob Stehle