Raymond Aron: „Die heiligen Familien des Marxismus“; aus dem Französischen von Hans Naumann; Christian Wegner, Hamburg 1970; 234 S., 16,– DM

Karl Marx gebrauchte den Ausdruck „Ideologie“ im Sinn von „falsches Bewußtsein“; er versenkte sich in das Studium der Gesellschaft, der Materialität ihrer Arbeits- und Herrschaftsverhältnisse im Zeichen einer wirklichkeitsgenährten Ideologiekritik. Theorie als Einsicht in die Funktionen und Widersprüche einer Gesellschaft war bei ihm das Gegenteil von Ideologie. Doch ist seine eigene Theorie seither in mehrfachem Sinn Ideologie geworden, sei es als Rechtfertigung neuer Herrschaftsstrukturen, sei es als Wille, einer Empörung gegen soziales Unrecht die Dignität einer philosophischen Konzeption zu geben. Die rastlose Selbstkorrektur, derentwegen Karl Marx’ Hauptwerk ein Torso blieb, die Bereitschaft, immer wieder umzudenken und neu zu forschen, ist jener Teil Marxschen Geistes, der im Marxismus wenig Schule gemacht hat. Die Gleichzeitigkeit, mit der der Marxismus unserer Zeit zugleich Herrschaftsdogma und Revolutionsformel geworden ist, schuf besondere Probleme.

Namentlich in Paris hat sich marxistische „Ideologie“ mit Denkweisen und Systemen in eigenartiger Weise verbunden: mit dem „Existentialismus“ und dem „Strukturalismus“, mit dem Denken Jean Paul Sartres, einem ultralinken Parteilosen, und demjenigen des führenden Parteikommmunisten Louis Althusser.

Raymond Aron hat im Abstand von zwanzig Jahren den „Pariser Ideologen“ zwei polemische Schriften gewidmet, zuerst im Höhepunkt der Kommunistenbegeisterung „Das Opium der Intellektuellen“ und neuerdings „Die heiligen Familien des Marxismus“ – hier nach der zweiten vollständigen Ausgabe in der Sammlung „Idées“ übertragen, die den Titel „Les marxismes imaginaires“ trägt. Wer sich für die politischideologische Entwicklung des französischen intellektuellen Linken interessiert, die ja weit über Frankreich hinaus Einfluß hat, wird sich mit Arons Angriff auseinandersetzen müssen.

In Frankreich ist dies kaum geschehen, weil Raymond Aron – Gegenstück zu Richard Löwenthal als Kritiker der „Studentenrevolution“ – als ein Konservativer oder Reaktionär etikettiert wird und weil er so viele Voraussetzungen der Linken nicht teilte so daß sie ihn als undiskutabel empfinden. Dazu kommt eine vom Historiker François Füret gerade in bezug auf Raymond Aron formulierte Einsicht, daß die Enttäuschung gegenüber einem umfassenden System, dem Marxismus, in Frankreich nicht die Zuwendung zur soziologischen Empirie und zum kritisch-skeptischen Denken bewirkt habe, sondern den Triumph von Claude Levi Strauß und mit ihm eines neuen, wiederum umgreifenden totalen Systems.

Bemerkenswert ist Arons Auseinandersetzung mit dem „revisionistischen“ Merleau Ponty, die zu dessen Lebzeiten erschienen ist. Merleau hatte sich Aron philosophisch angenähert, aber Aron nimmt seinen einstigen Freund und Kameraden der Ecole Normale Superieure, Sartre, in Schutz gegen ihn. Merleau Ponty meinte nämlich mit Sartres „Ultrabolschewismus“ zugleich auch dessen Philosophie anzugreifen. Raymond Aron weist ihm nach, daß der Autor von „Sein und Nichts“ keineswegs so leicht zu erledigen sei. Ein Beispiel auch von fair play und jener Leidenschaft zur Objektivität, die, in der Spannung mit der Kampfesfreude des Polemikers, aus eben diesen – Streitschriften Arons Meisterleistungen macht. Für ihn gilt nämlich, was er selber einmal von Marx geschrieben hat, daß die kleineren Schriften in „vieler Hinsicht tiefer und befriedigender sind als die umfangreichen wissenschaftlichen Bücher“. Mindestens zwischen dieser Schrift und Raymond Arons Standardwerk („Krieg und Frieden“) besteht ein solches Verhältnis.

In genau dem Punkt, um den es in dieser Schrift geht, ist Raymond Aron seinen Kontrahenten klar überlegen: Es ist die Kenntnis der Gesellschaft, der Geschichte, der Volkswirtschaft. Im vorzüglichen Marx-Kapitel des zitierten – noch nicht übersetzten – Buches über die Geschichte der Soziologie schreibt Aron sarkastisch: „Die meisten derer, die sich heute mehr oder weniger als Marxisten erklären, haben die Eigentümlichkeit, daß sie die politische Ökonomie unserer Zeit nicht kennen. Eine Schwäche, die Marx nicht teilte. Er beherrschte vollendet das Wirtschaftsdenken seiner Zeit und verstand sich als Ökonom im strengen und wissenschaftlichen Sinn.“ Es fällt Aron nicht schwer zu zeigen, daß jene Pariser Marxisten, mit denen er sich auseinandersetzt, niemals den Marxschen Wissenschaftsdurst gegenüber den materiellen Wirklichkeiten ihrer eigenen Epoche besessen und daher auch nicht Marxens Arbeitsweise übernommen haben, sondern nur vereinfachte Resultate seines Denkens. Eben darum nennt er ihren Marxismus „imaginär“.

Diesem erstrangigen Buch hätte man eine adäquate Übersetzung gewünscht, und der Name des Übersetzers, so meinte ich, gewährleistete sie. Genau habe ich nur die ersten und letzten Seiten mit dem französischen Text verglichen und bin von dem Ergebnis bestürzt: Allein auf den drei letzten Seiten sieben arge Mißdeutungen! Auf S. 233 oben sind zudem drei wichtige Zeilen ausgelassen worden. Beispiele: „Die Marxisten setzten sich immer noch Aufgaben, die sie ganz und gar nicht erfüllt haben.“ Bei Aron steht: „die sie nicht ganz erfüllt haben“. Auf S. 232 steht „Aufstieg“ für „Eintreten“ (einer harmonischen Gesellschaft) und „Verwicklungen“ für „Konsequenzen“. Es bleibt zu hoffen, daß Einleitung und Schluß nicht typisch sind für die Übersetzung dieser bedeutenden, brillanten Schrift.