Mit seiner Inszenierung von Gorkis „Nachtasyl“ bereisen Giorgio Strehler und seine neue Truppe Gruppo teatro e azione gegenwärtig die Bundesrepublik. Ich stelle mir vor, daß es in anderen Städten nicht anders als in Berlin sein wird: das Publikum sitzt drei lange Stunden ab und bereitet dann dem weltberühmten Theatermann Ovationen.

Daher ist es nötig, zu sagen, daß dies ein ganz und gar konventioneller (also verfehlter), opernhaft ausstaffierter Theaterabend ist, bei dem man viel Tremolo hört, breitbeiniges Stampfen und Opernkostüme sieht und erstaunt ist, zu welch ungewollt kitschiger, bloß altbacken malerischer Plattheit Gorkis Stück verflacht ist.

Es will einem schwer in den Sinn, daß diese Inszenierung vom gleichen Strehler stammen soll, der mit seinen beiden Goldoni-Inszenierungen („Diener zweier Herren“ und „Lärm in Chioggia“) soviel Spielfreude freisetzte, Volkstümlichkeit in glaubwürdige Artistik überführte und die Bühne (damals mit seinem exzellenten Bühnenbildner Damiani) in helle Schönheit verwandelte.

Jetzt, bei Gorki, herrscht meist jenes Zappendüster, das wir endgültig ins Nachtlager von Granada abgewandert hofften (Bühne: Ezeo Frigerio). Und wenn sich die Darsteller immer wieder so hinhocken und placieren, daß man fürchtet, sie würden in jedem Augenblick in eine Arie ausbrechen, wenn alte Schauspieler das Alter ihrer Rollen mit gräßlichen Kehllauten outrieren und junge ständig Tränen auf den Stimmbändern zu haben scheinen, dann tröstet es nur wenig, wenn man, unsicher, immer wieder der verzweifelten Überlegung nachhängt, ob dergleichen vielleicht für italienische Ohren echter klingt.

Denn soviel muß gesagt werden: Wahrscheinlich eignet sich Gorkis Stück, das sentimentaler ist, als es der Autor wußte und seine Anhänger zugeben werden, zu nichts schlechter als zu einem Auslandsgastspiel: denn da wird geredet, geredet, geredet...

Mag die Sprache für uns nur ungewohnt sein – daß die Inszenierung ständig als Stimmungsmasche den Rauch früher Umweltverschmutzung ins Nachtasyl bläst, daß sie zu Monologen Schauspieler vor den Vorhang in sentimentale Lichtkegel setzt, daß sie den größten Vorzug des Stücks – das Eingeschlossensein aller im gleichen Raum – auflöst, das alles müßte auch in Italien verstören. Und bringt es in Deutschland doch zu Jubel und Ovationen. Hellmuth Karasek

Die Gastspielreise Strehlers begann in Berlin, wurde in Hamburg und München fortgesetzt. Die nächsten Orte der Tournee sind: Wien am 22. und 23., Zürich am 25., 26, 27., Stuttgart am 28., Frankfurt am 29. und 30. Mai.