Von Josef Müller-Marein

Gerd Bucerius wird in diesen Tagen 65 Jahre alt. Er ist einer der jüngsten unter den jungen 65jährigen, die man gegenwärtig herumtoben sieht, obwohl er für die Erhaltung seiner Jugend nie etwas getan hat. (Sein Reichtum an Pillen und seine enorme Kenntnis, wozu sie gut sind, hat ihm dabei wahrscheinlich ebensoviel geschadet wie genutzt.)

Die Sitte, ausgerechnet einen 65jährigen zu feiern, kommt wahrscheinlich daher, daß ein solcher Jubilar, wenn er Beamter oder sonstwie pensionsberechtigt und obendrein noch männlichen Geschlechtes ist, sich an diesem Termin von dem aktiven Leben zurückzieht: uff! Alle sind gerührt. Welcher Visionär aber sieht Bucerius vor der Haustür sitzen?

Sein Wirken hat sich auf dreierlei Bühnen abgespielt. Die erste kenne ich vergleichsweise wenig: es ist die juristische.

Da Bucerius (am 19. Mai 1906) in Hamm geboren wurde, ist er ein westfälischer Hamburger. Die Etappen des Realgymnasiasten waren Essen, Hannover, Hamburg; die des Jurastudenten Berlin, Hamburg, Freiburg; die des Referendars und Assessors Kiel und Flensburg. Nun lag es nahe, daß er sich als Rechtsanwalt in Hamburg niederließ, denn eben dies hatte auch sein Vater getan, nachdem er in den Städten der Pennälerzeit des Juniors hoher Verwaltungsbeamter gewesen war.

Der Sohn gründete übrigens als Gymnasiast in Hamburg sein erstes Blatt, nämlich eine Schülerzeitung mit Namen „Fanfare“, die denn auch von der zweiten Nummer an verboten wurde.

Zwei Folgerungen bieten sich dazu an: Wäre Bucerius heute Pennäler, so wüchse das Haar ihm revolutionär ums energische Kinn und über der hohen Stirn; ohnehin trägt er Polohemden und nie einen Hut. Umgekehrt: Unter der bärtigen Jugend mag dereinst mancher Erfolgreiche – vorausgesetzt, daß er leidenschaftlich aufmerksam für die Geschehnisse des Tages bleibt und obendrein ein Rebell – so aussehen wie Bucerius heute: offenes, kantiges Gesicht mit ermunterndem, aber auch forschendem Blick und mit kleinen Fältchen um die Augen, die Lachlust, aber auch Menschenfreundlichkeit, viel Höflichkeit verraten und doch nicht ganz verbergen können, daß dieser Mann verwundbar ist.