Margarete Plewnia: „Auf dem Wege zu Hitler. Der völkische Publizist Dietrich Eckart“; Schünemann Universitätsverlag, Bremen 1970; 155 S., kt. 15,– DM, Ln. 19,80 DM.

In allen gängigen Handbüchern zur Geschichte des Nationalsozialismus wird dem deutsch-völkischen Publizisten und Literaten Dietrich Eckart so etwas wie die „geistige“ Vaterschaft an Adolf Hitler zugewiesen. Darum lohnte es sich, seinen Einfluß auf die Ideologie und den Führerkult der Partei zu untersuchen.

Seiner ganzen Persönlichkeit nach – ein nicht abgeschlossenes Studium der Medizin, hemmungslose Trunksucht, Verschwendung des väterlichen Erbteils innerhalb weniger Jahre, sein Schwanken zwischen Heine-Epigonentum und völkisch-antisemitischer Zeitkritik in seinen Dramen und Romanen sprechen dafür – war Dietrich Eckart der Prototyp dessen, was im nationalsozialistischen Jargon ein „wurzelloser Literat“ genannt wurde. Nur einen Unterschied gab es: Eckart schwamm sehr schnell und anfangs ganz deutlich aus Geldnot auf der völkischen Welle und gewann sich dadurch das Wohlwollen hochgestellter Gönner.

Nachdem sich Eckart durch seine Übersetzung von Ibsens „Peer Gynt“ und durch eine überaus kluge Heirat mit einer reichen Witwe finanziell saniert hatte, ließ er sich 1914 in seiner bayerischen Heimat nieder. In München geriet er immer mehr in extrem-nationalistische Kreise. Die Autorin hat viel Mühe aufgewandt, die „Philosophie“ Eckarts darzustellen. Sie zitiert lange Passagen aus seinen Schriften und Aufsätzen in den beiden von ihm nach dem Krieg edierten Zeitschriften („Auf gut deutsch“ und „Völkischer Beobachter“). Freilich fehlt eine Analyse dieser politischen Vorstellungen, die das Irrationale zum Prinzip politischen Handelns erhoben.

Im Hauptteil wird das Dilemma dieser Untersuchung sichtbar: braves Nacherzählen der unlogischen politischen Aussagen Eckarts oder der unzulänglich geführte Streit mit Ernst Nolte, ob Dietrich Eckart der alleinige Verfasser oder Hitler der Mitverfasser der 1924 postum erschienenen Schrift „Der Bolschewismus von Moses bis Lenin. Zwiegespräch zwischen Adolf Hitler und mir“, gewesen ist, beantworten nicht die Frage, ob Eckart nun tatsächlich der „geistige“ Vater Hitlers war. Offensichtlich ist Hitler mit Eckart bis zu dessen Tod im Dezember 1923 gar nicht häufig zusammengetroffen. Aber in seinen politischen Vorstellungen und Vorurteilen und in dem Glauben, die auserwählte Führerpersönlichkeit zu sein, ist er von Eckart bestärkt worden.

Es ist bedauerlich, daß die Autorin versäumt hat, an Dietrich Eckart die Hinwendung einer ganzen Schicht des deutschen Bürgertums zum hypertrophen Nationalismus und zur Diktatur aufzuzeigen. Peter-Christian Witt