Schon als Abgeordneter fragte er sich gelegentlich: "Warum bin ich eigentlich nicht in Karlsruhe geblieben?" Doch als seine Parteioberen ihn baten, in Bonn Finanzminister zu werden, legte Alex Möller sein Amt als Generaldirektor der Karlsruher Lebensversicherung nieder: "Wir Sozialdemokraten haben eben ein sehr starkes Solidaritätsgefühl."

Am Donnerstag letzter Woche, es war der 13. – ein Datum, das Karl Schiller flugs für sich als Glückstag reklamierte –, war von sozialdemokratischen Solidaritätsgefühl nicht mehr viel übriggeblieben – nicht nur bei Möller. Wenige Tage nach der schweren Stabilitätskrise, von der noch niemand absehen kann, ob Bonn sie meistern wird, formulierte Alex Möller nach Tradition der Finanzminister schriftlich seinen Rücktritt.

Knapp zwanzig Stunden blieb Möllers Absicht das bestgehütete Geheimnis Bonns. So konnte Herbert Wehner, Fraktionschef der SPD, die Journalisten triumphierend und unwirsch zugleich anfauchen: "Das war das erste Mal, daß ihr etwas nicht vorher gewußt habt."

Von ständigen Spannungen zwischen Alex Möller, Karl Schiller, einigen weiteren Kabinettsmitgliedern und der Fraktion wußte freilich alle Welt. Sie hatten seit Anbeginn dieser Koalitionsregierung bestanden. Es war auch nicht das erste Mal, daß Alex Möller seinen Rücktritt anbot. Es war allerdings das erste Mal, daß er konsequent blieb. Schon im Juli des vergangenen Jahres; als die Regierung unter konjunkturpolitischem Dauerfeuer der Opposition stand und sich schließlich zum Konjunkturzuschlag zur Lohn- und Einkommensteuer durchrang und dem Finanzminister die Aufgabe übertrug, sich in restriktiver Haushaltspolitik zu üben, wollte Möller seinen Hut nehmen.

Der Minister, der seit Wochen verkündet hatte, "die Konjunkturpolitik läßt sich auf die Dauer nicht über den Haushalt machen", war verärgert. Persönliche Anrempeleien in der Fraktion und im SPD-Präsidum ließen den Entschluß zum Rücktritt reifen. Möllers Fahrer, brachte die Abdankungsurkunde in die Kanzlervilla auf dem Bonner Venusberg. Doch Willy Brandt wollte das Schreiben nicht annehmen. SPD-Schatzmeister Alfred Nau telephonierte hinter Alex Möller her, erreichte ihn schließlich und versuchte ihn umzustimmen. Der Appell an die Solidarität hatte noch einmal Erfolg. Der Chauffeur nahm den Rücktrittsbrief schließlich wieder mit.

Dabei hatte der "Genosse Generaldirektor", der kühle, stets auf Distanz bedachte, gelegentlich unwirsche Rechner Möller, sein Amt nicht ohne Fortüne angetreten. Schon in den ersten Wochen, der Regierung zog Alex Möller im Kabinett und im Urteil der Öffentlichkeit an Karl. Schiller vorbei. Mit harter Hand und.-dem Rotstift hatte er die Forderungen der Ressorts für den Haushalt 1970 zusammengestrichen; Mehr als fünf Milliarden Mark rang er seinen Kabinettskollegen ab. Das Image Karl Schillers als Wirtschaftslenker verblaßte dagegen, je mehr sich zeigte, daß die von ihm mit viel Tamtam angekündigten Erfolge der Aufwertung von 1969, nämlich Preisstabilität und stetiges Wachstum, ausblieben. Möller war dabei, – dem nicht minder empfindlichen Karl Schiller "die Schau zu stehlen".

Doch je schneller die Preise stiegen, um so mehr spitzten sich die Konflikte zu. Karl Schiller forderte eine Senkung der Mehrwertsteuer um einen Punkt, Möller verbat sich solche Steuermanipulationen. Er sperrte sich auch gegen Steuererhöhungen. Bis zuletzt kämpfte er gegen den Konjunkturzuschlag, um nachher dafür zu sein – aus sozialdemokratischem Solidaritätsgefühl, denn Sozialdemokrat ist Alex Möller trotz aller Erfolge als Manager in der Wirtschaft stets geblieben. Die Differenzen zwischen beiden Ministern nahmen dennoch kein Ende, die Fraktion zeigte sich darüber zunehmend verärgert. Die Hinterbänkler grollten beiden Stars auch deshalb, weil sie sich nur selten dazu herbeiließen, in der Fraktion Rede und Antwort zu stehen. Von Möller hieß es bissig, er gehe "immer nur in seine piekfeinen Herrenclubs".