DIE ZEIT

Cui bono?

Die Gespensterschlacht fand in der Welt statt. Die Zeitung meldete, die Koalition erwäge die Herabsetzung der Sperrklausel bei Bundestagswahlen von fünf auf drei Prozent, „um der FDP das Oberleben im Parlament zu erleichtern“.

Berlin-Bilanz

Über allen Berlin-Gipfeln herrscht derzeit Ruh. Die Gespräche zwischen den Staatssekretären Bahr und Kohl quälen sich mit immer länger werdenden Zwischenräumen am Kernproblem vorbei, bis die vier Mächte sich geeinigt haben, desgleichen die Passierscheingespräche zwischen den Unterhändlern Müller und Kohrt.

England eine Gasse

Der Geist von Den Haag, der im Dezember 1969 dem stagnierenden Bemühen um die Einigung Westeuropas neues Leben einhauchen sollte, hat nach anderthalb Jahren späte Erleuchtung gebracht.

Angst vor Europa

Plötzlich schlägt Moskau wieder mit Macht auf die Pauke der Europäischen Sicherheitskonferenz. Gleichzeitig versuchen die Sowjets aufs neue, Keile zwischen die westlichen Staaten zu treiben.

Gruß an Gerd Bucerius

Gerd Bucerius wird in diesen Tagen 65 Jahre alt. Er ist einer der jüngsten unter den jungen 65jährigen, die man gegenwärtig herumtoben sieht, obwohl er für die Erhaltung seiner Jugend nie etwas getan hat.

ZEITSPIEGEL

„Der einzige Unterschied zwischen Strauß und einem afrikanischen Elefanten besteht darin, daß der Elefant sich selten in einen Porzellanladen begibt.

Wolfgang Ebert:: Wegwerfgeld

Hausarzt: „Wir haben in jüngster Zeit festgestellt, daß er sich sehr schädigend auf das Nervensystem auswirkt. Schweißausbrüche, Schlaflosigkeit und Schüttelfrost sind die Folgen.

Sterben unsere Städte?

Unsere Städte sind krank. Schon Nietzsche nannte sie „das gebaute Laster“. Der Münchner Städteplaner Otl Aicher begreift sie als „eine Verdichtung von Unordnung, Häßlichkeit, Beziehungslosigkeit und Nivellierung“.

Weder tief noch scharf

Die Zeiten sind vorbei, da im Bundestag ein ein halbes Dutzend brillanter strategischer Köpfe Debatten über militärpolitische Fragen führte, aus den die Nation zu lernen vermochte.

Wieviel GIs für Europa?

Senator Mansfields Abzugsantrag: ein Warnsignal für die NATO, ein Geschenk für Moskau

Offene Worte in Bukarest

Die Rumänen erwarten von dem Staatsbesuch Gustav Heinemanns verstärkte Zusammenarbeit

Bilanz eines Krieges

Der Bürgerkrieg in Ostpakistan ist beendet. 70 000 westpakistanische Soldaten kontrollieren die Städte und den größten Teil der ländlichen Gebiete.

Für mündige Katholiken

Nicht vom hohen Lehrstuhl päpstlicher Unfehlbarkeit, sondern mit ausdrücklichem Verzicht, "ein einheitliches Urteil, eine überall passende Lösung vorzulegen", hat Paul VI.

Für Heine eine Bleibe

Wenn Heinrich Heine in der Ferne an Düsseldorf dachte, wurde ihm wunderlich zumute, und es war ihm, „als müßte ich gleich nach Hause gehen.

Drachenblut und Dienstbehörde

Was heute noch Krach, Skandal und Eklat genannt wird, nämlich die höchst fragwürdige Entlassung des Chefdramaturgen der Münchner Kammerspiele, Heiner Kipphardt, könnte in naher Zukunft leicht zu einer Lähmung dieses Theaters führen.

Flaute in der Fronde

Zuerst wollte ich gar nicht“, entschuldigt sich der Kieler Oberbürgermeister Günther Bantzer, der am 20. Juni gegen Jochen Steffen um den Vorsitz der schleswig-holsteinischen SPD kandidiert.

Gaudi mit dem braunen Gast

Die 309 Einwohner der Mini-Gemeinde Moosham in Oberbayern sind besonders stolz auf 24 Kilometer neue Teerstraßen. Nicht weniger stolz sind die Dörfler auf den Mann, der das alles vollbracht hat: auf ihren Bürgermeister Paul Schöftlmaier.

Wiesbadener Weltpremiere

Vor einem Jahr (ZEIT Nr. 19 vom 8. Mai 1970) wurde die Prognose gestellt: „Vermutlich wird Willi Birkelbach nicht mehr lange auf Staatskosten spazierengehen.

Türken in Hessen:: Via Ostberlin

Als Hessens Innenminister, Hans-Heinz Bielefeld, in der vergangenen Woche aus dem Fenster seines Wiesbadener Diensthochhauses blickte, konnte er jene Hundertschaft schwarzgelockter Türkensöhne sehen, die ratlos fluchend auf den Treppen des Ausländeramtes und den Bänken in den Grünanlagen hockten.

Dokumente der ZEIT

„Sicher ist die Lage, mit der die Christen sich freiwillig oder gezwungen auseinanderzusetzen haben, sehr verschieden, je nach den Ländern und den sozialpolitischen Systemen .

Berlin: Keine Übereinkunft

Der Senat will nur über eine „Sonderregelung für einen spezifischen Besuchszeitraum“ verhandeln; die DDR möchte dagegen ein langfristiges Abkommen erreichen, das nach westlicher Ansicht die Viermächtegespräche unterläuft.

Truppenabzug erörtert

Die Diskussion um den Truppen- und Rüstungsabbau in Mitteleuropa ist erneut in Bewegung geraten. Der demokratische Senator Mansfield brachte in der vergangenen Woche im Senat einen Antrag ein, in dem er die Halbierung der US-Truppen in Europa verlangte.

Rummel– platz für die Schule

Lehrer, Schüler, Eltern, Wissenschaftler, Politiker in die Mysterien der Unterrichtstechnologie einzuführen, die vor sich hin produzierende Lehrmittelindustrie und die Praktiker aus den Schulen zusammenzubringen: das ist nötig, und es braucht keinerlei Zwang – Interesse und Neugier sind nämlich gewaltig.

Wem gehört die Kunst?

Als Paul Wember, der Direktor des Krefelder Kaiser Wilhelm Museums, 1954 ein Mobile von Alexander Calder kaufte, da waren 3000 Mark für sein armes Museum viel Geld.

Skandal in den Kammerspielen

Die Stadt München hat einen neuen Superlativerworben: Sie leistete sich den schwersten Eingriff in ein Theater, indem sie der Vertragsverlängerung nicht zustimmte, die der Intendant August Everding für seinen Dramaturgen Hektar Kipphardt an den Münchner Kammerspielen beantragt und befürwortet hatte.

ZEITMOSAIK

Das Moskauer Film-Festival, das vom 19. Juli bis zum 2. August stattfindet, hat seine Sensation. Die USA, die in den letzten Jahren teilgenommen hatten und – wie alle Länder in Ost und West – auch zum Festival 1971 eingeladen waren, haben abgesagt.

Bildung in der Baisse

Seit dem Rücktritt von Finanzminister Möller am vergangenen Donnerstag kommen sich manche Bildungsplaner wie Gartenfreunde vor, die noch Bäume pflanzen, während die Welt schon untergeht.

Gorki-Tremolo

Mit seiner Inszenierung von Gorkis „Nachtasyl“ bereisen Giorgio Strehler und seine neue Truppe Gruppo teatro e azione gegenwärtig die Bundesrepublik.

Diese Woche nicht 50 geworden

Wolfgang Borchert lebte 26 Jahre, am 20. 11. 1947 starb er, der dort zu dieser Zeit nicht eben hochwillkommene Deutsche, in einem Krankenhaus in Basel; einen Tag später fand in Hamburg die Uraufführung seines Dramas „Draußen vor der Tür“ statt, das den Namen Borchert über Nacht bekannt und zugleich zum Mythos machen sollte.

Einladung zum Abendbrot

Der Bundespräsident hatte zu einem "Abendessen mit Künstlern" gebeten, so wie er ja auch mit Juristen und Journalisten, mit Ärzten und Agrariern, Bürgermeistern und Werkmeistern Abendbrot ißt, um sich zu informieren.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Richard Wagner: „Götterdämmerung“ (Finale); Kirsten Flagstad, Philharmonia Orchestra London, Leitung: Wilhelm Furtwängler; „Siegfried“ („Heil dir, Sonne!“); Kirsten Flagstad, Sei Svanholm, Philharmonia Orchestra London, Leitung: George Sebastian; Electrola Dacapo 1 C 047-01149 M, 10,– DM.

Umgang mit einer fernen Geliebten

Die Mezzosopranistin Carla Henius hat sich als Interpretin und als Gesangspädagogin auf die musikalische Avantgarde konzentriert.

Kunstkalender

Leuchttürme, Badestrände, Angelgeräte, Regatten, auch mal Fußball, Hannover 96 zum Beispiel: Skodlerrak läßt sich seine Themen und seine Probleme nicht von andern Leuten vorschreiben.

Viel Luft in der Blase

Das Münchner Modern Art Museum bat zur Vernissage in sein neues Domizil, das Fünfundfünfzigtausend-Mark-Tragluftzelt, aufgestellt vis-à-vis von der Alten Pinakothek: Rubens und Raysse begegnen sich über die Straße.

Mein Kandidat: H. Böll

Der bundesdeutsche PEN-Club hat in letzter Zeit unter neuem Management (Böll Präsident, Thilo Koch Generalsekretär, dazu Joachim Kaiser) sein früheres Image als eine Art Akademie mehr oder minder hochwichtiger Literaturpersönlichkeiten fortgeschrittenen Alters so sehr verändert, verjüngt, aktiviert, daß er in guter Zusammenarbeit mit Dieter Lattmanns Schriftstellerverband jetzt wirklich ein erfreulicher und wichtiger Faktor im literarischen Leben der BRD geworden ist.

KRITIK IN KÜRZE

„Schülerliebe – Fakten und Analysen“, von Peter Brückner. Was ehedem nur hartes Los angstvoller Eltern war, ist heute beliebte Beschäftigung verschiedenster Volljährigenkreise: das Sexualverhalten von Jugendlichen zu beobachten.

Ich will für Ihre Produktion gern wirken

Verlagskonzentration, Ladenketten, Kostensteigerungen, Überproduktion, neue Medien, die ihre Schatten vorauswerfen – und oft hört oder liest man die Parole, teils mit Melancholie, teils mit Genugtuung vorgetragen, Opas Buchhandel sei eben tot.

Der dritte Frühling

Über das „Alterswerk“ Max Ernsts, sein Werk seit der Rückkehr aus der amerikanischen Emigration, haben sich bestimmte Ansichten eingespielt, die wenigstens teilweise einer Revision und Ergänzung bedürfen.

AUFSTIEG • JOB • VERDIENST

Die staatlichen Abschlußprüfungen für Fernkurse sollen erleichtert werden. Künftig wird sich jeder Kandidat Land, Ort und Schule aussuchen können, an der er seine Prüfung ablegen will.

Anti-Antikriegs-Schmonzette

Was macht ein junger Mann, der, einer alten Familientradition folgend, Offizier werden soll, der aber aus der Lektüre seines Lieblingsdichters gelernt hat, daß der Krieg ein Verbrechen ist? Er riskiert einen Bruch mit der ganzen Familie, setzt die Freundschaft eines Mädchens und das Erbe seiner Tante aufs Spiel, nur die Bezeichnung „Feigling“ läßt er sich nicht bieten: Er wird im Geisterzimmer des Familienschlosses schlafen – und der schrille Schrei der jungen Dame mitten in der Nacht kündigt an, daß der Held tot ist.

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